Mutworte - Christa Carina Kokol
Meine Zwiebel

Im Roman „Die Brüder Karamasow“ erzählt Fjodor Dostojewski von einer Frau, die plötzlich stirbt, ohne in ihrem Leben eine gute Tat vollbracht zu haben. Zur Strafe landet sie im Feuersee. Doch ihr Schutzengel erinnert sich, dass sie einst einem armen Menschen eine Zwiebel aus ihrem Garten geschenkt hat. Und er hört eine Stimme, die ihm sagt: „Nimm die Zwiebelpflanze, und streck sie der Frau hin … wenn du sie damit aus dem See ziehen kannst, soll sie gerettet sein …“ Die Frau hält sich daran fest, und beinahe hätte der Engel sie auch herausgezogen. Doch als die Frau sieht, dass sich andere Menschen aus dem Feuersee in ihrer Not ebenfalls daran festhalten wollen, stößt sie diese von sich und schreit: „Ich werde herausgezogen, nicht ihr, es ist meine Zwiebel, nicht eure!“ Dadurch reißt die Pflanze entzwei, und der Engel weint.

Wir stehen mitten im Marienmonat Mai. Maria wird auch „Mutter der schönen Liebe“ genannt. Ein Begriff aus dem Weisheitsbuch des Alten Testaments Jesus Ben Sirach, der auch für uns bezeichnend sein kann. Denn durch unsere „Zwiebeln“, unsere Talente und Möglichkeiten, durch all das, was uns geschenkt ist, können wir ein kleines Stück dieser Welt schöner und liebenswerter machen. Wenn wir unsere eigenen „Zwiebeln“ sinnvoll einsetzen, ausgraben und andere daran teilhaben lassen, wird Liebe erfahrbar. Liebe ist schön, wenn sie uns selbst und unserer Mitwelt gilt und durch ein unzerreißbares Band mit einem letzten Sinn verbunden ist. Eine gute „Zwiebel“-Ernte.

Christa Carina Kokol
ist dipl. psychotherapeutische Beraterin in Logotherapie und Existenzanalyse nach Viktor E. Frankl.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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