Positionen - Svjetlana Wisiak
Lass sie, lass mich
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Neulich stieg ich telefonierend in eine nahezu leere Straßenbahn. Manchmal sind Wege von A nach B die einzige Gelegenheit, von meiner Familie zu hören, die ich nur selten sehe. Das konnte die Dame, die kurz darauf zustieg, natürlich nicht wissen. So verlieh sie ihrem Unmut über mein Telefonat mit Schleudertrauma auslösendem Kopfschütteln Ausdruck – während sie sich genau auf den Platz vor mir hinsetzte. Bald ergänzte Schnaufen ihre Gesten, was meiner Phantasie unweigerlich das Bild einer Stierkampfarena aufzwang.
Erst kürzlich bin ich auf die „Let them“-Theorie (dt. „lass sie“) von Mel Robbins gestoßen. Im Wesentlichen besteht sie aus zwei Teilen. Erstens: Lass andere handeln, wie sie handeln. Du kannst ihr Verhalten nicht beeinflussen. Zweitens: Lass mich darauf reagieren, wie ich es für richtig halte. Also ignorierte ich die übertriebene Reaktion, während ich mir mich selbst als Torera mit rotem Tuch vorstellte.
Ich halte das für eine herrliche Übung, um mehr Toleranz walten zu lassen. Stellen Sie sich vor, wir lassen Mitmenschen ihr Leben leben – egal, was wir davon halten. Klingt das nicht utopisch? Probieren Sie es aus – oder lassen Sieʼs!
Svjetlana Wisiak
svjetlana@wisiak.net
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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