Vom Monolog zum Trialog

Islam, Christentum und Judentum: (v. l. n. r.:) Am 6. April wurde Dina El Omari aus Münster, Edith Petschnigg aus Graz und Michel Bollag aus Zürich in Luzern der renommierte Herbert Haag Preis für ihr Bemühen um den Dialog zwischen den Religionen verliehen. | Foto: Herbert Haag Stiftung / Franca Pedrazzetti
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  • Islam, Christentum und Judentum: (v. l. n. r.:) Am 6. April wurde Dina El Omari aus Münster, Edith Petschnigg aus Graz und Michel Bollag aus Zürich in Luzern der renommierte Herbert Haag Preis für ihr Bemühen um den Dialog zwischen den Religionen verliehen.
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Herbert Haag Preis 2025: Ausgezeichnet für den Dialog. Unter den diesjährigen PreisträgerInnen ist auch eine Grazer Theologin.

Oft braucht es nur ein einziges Wort, eine Silbe der Entschuldigung, den aufrichtig gemeinten Satz oder noch besser: ein ehrliches Gespräch, bei dem sich die Partner oder Konfliktparteien gleichermaßen gehört wie ernst genommen fühlen. Um Missverständnisse auszuräumen oder einen jahrelang währenden Konflikt zu beenden, braucht es ihn: den Dialog.

Kein Spaziergang
Drei Forschende aus drei verschiedenen Ländern, die obendrein noch unterschiedlichen Religionen angehören, haben ihr wissenschaftliches Arbeiten diesem Thema verschrieben. Die in Münster Lehrende Dina El Omari, der Zürcher Michel Bollag und Edith Petschnigg aus Graz. Am 6. April erhielten sie gemeinsam in Luzern den renommierten Herbert Haag Preis für Freiheit in der Kirche. Seit 40 Jahren wird die mit 10.000 Franken, umgerechnet etwa 10.600 Euro, dotierte Würdigung jährlich verliehen. Doch die jüngste Preisübergabe an diesem Sonntagnachmittag in der Luzerner Lukas-Kirche war etwas Besonderes.

Drei PreisträgerInnen, das hatte es zuvor noch nicht gegeben. „In einer Zeit, in der Partikularismus, Individualismus, Fundamentalismus und Extremismus eine globale Krisensituation heraufbeschworen haben, sind Menschen, die Brücken bauen, die den Weg zur Versöhnung ebnen, – sind Menschen wie Bollag, El Omari oder Petschnigg wichtiger als je zuvor“, ist auf der Schweizer Website „katholisch.ch“ zu lesen. Der interreligiöse Dialog sei kein Sonntagsspaziergang – mit dieser Aussage von Michel Bollag übertitelte das Internetportal seinen Bericht über die diesjährige Preisverleihung.

Die Welt reparieren
„Worum geht es in einer Religion?“, fragt sich der jüdische Theologe Bollag und gibt die Antwort darauf gleich selbst. „Um das, was man im Judentum ‚Tikun Olam‘ nennt“ – wörtlich: die Reparatur der Welt. Gemeint sei damit alles, was die Erhaltung und die Verbesserung der sozialen Ordnung zur Folge habe“, erklärt er in einem Videogespräch mit seinen beiden Co-Preisträgerinnen, drei Tage vor der Preisverleihung. Als Mitbegründer des Zürcher Lehrhauses brachte er über zwei Jahrzehnte lang Christinnen und Christen Thora-Auslegungen oder Althebräisch näher – mit Witz und Raffinesse, so sagen jene, die ihn kennen.

Asoziale Medien
Eine Geschichte mit Theorie und Praxis des interreligiösen Dialogs haben auch Dina El Omari und Edith Petschnigg aufzuweisen: Erstere in der Europäischen Gesellschaft für Theologische Forschung von Frauen und letztere im Kontext interreligiöser Religionspädagogik sowie im Komitee für jüdisch-christliche Verständigung, so Stiftungsrätin Irmtraud Fischer in ihrem „Plädoyer für eine Erneuerung des Religionsdialogs in europäischen Demokratien“ anlässlich der Preisverleihung.

Die in Bonn und Graz im Bereich Alttestamentliche Bibelwissenschaft und Frauen- und Geschlechterforschung tätige Wissenschafterin schreibt auch davon, wie schwer es ein ernst gemeinter Dialog aktuell habe. „Die in sozialen Medien bestens organisierte und daher omnipräsente Neue Rechte treibt seit gut einem Jahrzehnt gezielt einen Keil in ein gedeihliches Zusammenleben, indem sie durch die Rhetorik des ‚Wir gegen die Anderen‘ Spaltungen aufgrund ethnischer, religiöser oder parteipolitischer Art befördert und das Geschlecht in beängstigender Weise neu ins Zentrum der weltanschaulichen Auseinandersetzungen stellt.“ Menschen mit Herkunft aus Drittländern sowie feministische Frauen und Queere sowie Menschen mit anderer Religionszugehörigkeit würden zu Anderen gemacht, die bekämpft werden müssen. Diese aufgeheizte Stimmung, die gezielt geschaffen werde und in die sich viele Menschen von den „asozialen Medien“ mit hineinziehen lassen würden, sei von unversöhnlicher Grundstimmung getragen, so die Grazer Theologin Irmtraud Fischer.

Nicht linear
Auch, wenn der Dialog auf Augenhöhe es heute schwer habe, so sei es umso wichtiger, dass sich Religionen zu Wort melden würden, so Preisträgerin Dina El Omari. Die deutsche Theologin spricht freundlich, aber bestimmt. Man müsse sich darüber im Klaren sein, dass Religion kein linearer Prozess, sondern bestimmt sei von einem ständigen Auf und Ab. Seit 2022 ist Dina El Omari Professorin für Interkulturelle Religionspädagogik am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Münster und leitet in dieser Funktion die Arbeitsstelle für Islamisch-Theologische Genderforschung. Ihre Habilitationsschrift mit dem Titel „Koranische Geschlechterrollen in Schöpfung und Eschatologie“ erschien 2021 und stellt einen bedeutenden Beitrag zur geschlechtergerechten Koran-Exegese dar.

Stärken und zugleich sensibilisieren
Wie Dina El Omari und Michel Bollag, so geht auch die Grazer Wissenschafterin Edith Petschnigg den Weg von der Theorie zur Praxis. Die u.a. seit 2022 an der Privaten Pädagogischen Hochschule Augustinum (PPH) in Graz tätige Theologin und Historikerin organisiert immer wieder interreligiöse Begegnungen, bei denen auch außeruniversitäres Publikum erwünscht ist. Kinder und Jugendliche müsse man, so Petschnigg, außerdem schon in der Schule dahingehend stärken, damit sie Halt in sich selbst finden und weniger anfällig würden für radikale Ideologien jedweder Ausrichtung, sagt die katholische Theologin mit Forschungsschwerpunkt „Interreligiosität“.

Der Friede unterm Apfelbaum
„Der Krieg: Er ist nicht tot, der Krieg. Der Krieg: Er ist nicht tot, der Krieg. Er schläft nur unterm Apfelbaum und wartet – auf dich, auf mich, er ist nicht tot, der Krieg.“ Die Zeilen des 1996 verstorbenen Musikers Rio Reiser beschreiben etwas Bedrohliches. Etwas, das für die in Europa lebende Nachkriegsgeneration vor etwas mehr als drei Jahren noch undenkbar gewesen war. Russlands Invasion in der Ukraine hat den Krieg nahe an unsere Nachbarländer gebracht, und Meldungen wie jene vom Amoklauf mit Todesfolge in Villachs Innenstadt lassen das friedliche Miteinander in die Ferne rücken. In Anlehnung an den Lied-Refrain darf aber auch gehofft werden. Ersetzt man darin das Wort „Krieg“ durch den „Dialog“, dann kann die Welt, im Sinne von Herbert-Haag-Preisträger Michel Bollag, nicht nur gut „repariert“ werden – einfühlendes Agieren und nachhaltiger Friede würden zusehends das Weltgeschehen bestimmen.

Schön, aber viel Arbeit
„Beziehung ist schön, macht aber auch viel Arbeit“: Das könnte man, in Anlehnung an den 1948 verstorbenen deutschen Komiker Karl Valentin etwas flapsig auch über den interreligiösen Dialog sagen. Und auch für diese Arbeit wurden Edith Petschnigg, Dina El Omari und Michel Bollag am 6. April in Luzern gewürdigt – für ihren „echten Willen zu Kommunikation und Verständnis“, wie es in der Laudatio von Odilo Noti, dem Präsidenten der Herbert Haag Stiftung, heißt.

Anna Maria Steiner

Dialog
Das Wort stammt aus dem Altgrie-
chischen und bedeutet „Unterredung“ oder „Gespräch“. Es setzt sich zusammen aus „dia“ („durch“) und „logos“ („Wort“). Eine ursprünglichere griechische Bedeutung von „logos“ führt auch zu „Beziehung“.
Quelle: Wikipedia

Preis & Stifter

Herbert Haag (1915–2001, links) und sein Kollege, Wegbegleiter und „bester Freund“, Hans Küng (1928–2021).   | Foto: Herbert Haag Stiftung
  • Herbert Haag (1915–2001, links) und sein Kollege, Wegbegleiter und „bester Freund“, Hans Küng (1928–2021).
  • Foto: Herbert Haag Stiftung
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Für Freiheit in der Kirche

Herbert Haag
Er gilt als einer der großen Theologen der Gegenwart. Als Seelsorger und Prediger, Professor und Publizist hat Herbert Haag in kritischer Loyalität zur katholischen Kirche bedeutende Impulse gesetzt. In seinen Lebenserinnerungen „Mein Weg mit der Kirche“ beschrieb er u. a. den Aufbruch durch das Zweite Vatikanum und teilte seine Besorgnis über die Gefährdungen theologischer Freiheit in Gegenwart und Zukunft mit und entfaltete ein Plädoyer für eine menschlichere Kirche.

Den bedeutenden Theologen Hans Küng bezeichnete Herbert Haag als seinen „besten Freund“. Beide wurden 1960 an die Universität Tübingen berufen, wo sie zwanzig Jahre zusammen wirkten. Das gemeinsame Streben nach theologischer Wahrheit und Erneuerung verband beide miteinander. Weitere zwei Jahrzehnte engagierten sie sich gemeinsam in der Herbert Haag Stiftung für die Freiheit in der Kirche. „Die gegenwärtige Krise in der Kirche ist in ihrer Verfassung begründet, die unvermeidlich zur Unfreiheit der Gläubigen führen muss. Dies steht im offenen Widerspruch zur Botschaft Jesu, der ein Evangelium der Freiheit verkündete. Die Herbert Haag Stiftung für Freiheit in der Kirche wird diese nicht herbeiführen, aber sie möchte dafür wenigstens Zeichen setzen“, ist dem Stiftungszweck zu entnehmen.

◉ Herbert-Haag-Stiftung:
www.herberthaag-stiftung.ch

Islam, Christentum und Judentum: (v. l. n. r.:) Am 6. April wurde Dina El Omari aus Münster, Edith Petschnigg aus Graz und Michel Bollag aus Zürich in Luzern der renommierte Herbert Haag Preis für ihr Bemühen um den Dialog zwischen den Religionen verliehen. | Foto: Herbert Haag Stiftung / Franca Pedrazzetti
Herbert Haag (1915–2001, links) und sein Kollege, Wegbegleiter und „bester Freund“, Hans Küng (1928–2021).   | Foto: Herbert Haag Stiftung
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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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