Vor den Vorhang
Kein Platz für Menschen?
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„Eure Naturschutzgebiete sind für uns ein Kriegsgebiet,“
sagt Manase aus Tansania. Im Namen des Naturschutzes verlieren Einheimische ihr Zuhause.
Majestätische Giraffen, endlose Savannen und spektakuläre Sonnenuntergänge: So zeigen es die Reiseprospekte. Hinter dieser Idylle verbirgt sich eine andere Realität: Unter dem Deckmantel des Naturschutzes werden Rechte missachtet und Stimmen zum Schweigen gebracht. Zwei dieser Stimmen werden nun in Graz gehört: Auf Einladung von Welthaus berichten Mbario und Manase über die schwierige Lage in ihrem Land. Fotos von ihren Gesichtern sind tabu, auch ihre Nachnamen und die Namen der Hilfsorganisationen, in denen sie tätig sind, dürfen sie nicht nennen, denn die Regierung Tansanias sieht den Einsatz der beiden alles andere als gern.
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Schöne Wörter
„Es geht hier um die Erhaltung der Natur“, sagt Sigrun Zwanzger, stellvertretende Geschäftsführerin von Welthaus in einem Pressegespräch. „Das ist ein schönes Wort“, sagt sie – Naturschutz. Und es ist überlebenswichtig für Mensch und Tier. Schließlich ist die Natur die Quelle für Nahrung, Wasser und vieles mehr. „Aber es bedeutet: Menschen raus.“ Und in diesem Fall: TouristInnen rein. Denn das ist die treibende Kraft der tansanischen Wirtschaft; die beeindruckenden Landschaften und Wildtierbestände werden jährlich von Millionen UrlauberInnen besucht. Die Regierung möchte den Tourismus noch weiter ausbauen. Dafür werden die Maasai gewaltvoll vertrieben, berichten die TansanierInnen. Ihre jahrhundertelange Erfahrung mit sensibler Landnutzung und Koexistenz mit den lokalen Wildtieren wird weitestgehend ignoriert. Sigrun Zwanzger zitiert Papst Franziskus: „Um es mit seinen Worten zu sagen:
Wir zerstören unser gemeinsames Haus... Es wird geplündert, verwüstet und ungestraft geschädigt. (Papst Franziskus)
Im Rahmen des Biodiversitätsabkommens von 2022 sollen bis 2030 weltweit 30 Prozent der Land- und Wasserflächen unter Schutz gestellt werden – langfristig sogar 50 Prozent. Doch mit der Ausweitung dieser Gebiete könnten laut Action Aid, einer internationalen Organisation für soziale Gerechtigkeit, bis zu 300 Millionen Menschen weltweit von Vertreibung betroffen sein.
Öffentliches Interesse
Manase arbeitet als Anwalt in einer Menschenrechtsorganisation in Tansania. Er klärt Menschen über ihre Rechte auf und vermittelt in Konflikten – zwischen Menschen ebenso wie zwischen Staat und BürgerInnen. Häufig geht es dabei um Landbesitz.
Denn auch wenn eine Familie offiziell ein Stück Land erwirbt, kann es dem sogenannten „öffentlichen Interesse“ unterstellt werden. Für den Naturschutz oder für die Großwildjagd reicher TouristInnen kann der Staat das Land enteignen. Je nach betroffener Region wird den BewohnerInnen entweder ein Ersatzgebiet vorgeschlagen, in das sie ziehen sollen oder sie werden nur aufgefordert, „ihr“ Land zu verlassen. Ihrer Heimat und ihrer Existenzgrundlage werden die Menschen jedenfalls beraubt, so der Anwalt. Die Ersatzgebiete befinden sich in Küstennähe, in einem für sie unbekanntem Gebiet. Dort würde sich die traditionelle Lebensweise der betroffenen Maasai sich nicht weiterführen lassen.
„Hier in Österreich profitieren die AnwohnerInnen eines Nationalparks“, sagt Manase, „in Tansania leiden sie darunter.“
Offene Türen
Doppelt benachteilt sind in Tansania die Frauen der Maasai, erzählt Sigrun Zwanzger. Die 120 Ethnien, die Tansania zählt, haben eines gemeinsam: patriarchale Strukturen. Der Zugang zu eigenem Einkommen und Besitz wird ihnen verwehrt. Gleichzeitig tragen sie die Hauptverantwortung für die Versorgung ihrer Familien – oft ohne wirtschaftliche oder soziale Absicherung. Frauenrechtsorganisationen, wie jene, in der Mbario arbeitet fördern die Bildung von Maasai-Frauen, stärken ihr Selbstbewusstsein und ihren Zugang zu Rechten. Alphabetisierungskurse, Spar- und Kreditgruppen sowie Schulungen helfen, Geschäftsideen umzusetzen – von Kleintierzucht bis Kunsthandwerk.
Wo setzt man an?
„Man muss bei der Aufklärung beginnen“, sagt Mbario. Die Frauenrechtsorganisation, in der sie arbeitet, verteilt nicht nur Medikamente an Bedürftige, sondern setzt vor allem auf Bildung. „Wir hängen hinterher. Viele hier glauben nicht an die Notwendigkeit von Bildung für Mädchen.“ Statt zur Schule zu gehen, werden Mädchen früh verheiratet – oft schon mit zwölf, manchmal sogar mit zehn Jahren. Danach folgen Hausarbeit und Kinder – ein eigener Bildungsweg bleibt meist verwehrt.
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Wünsche
„Tansania ist Teil der weltweiten Familie“, sagt Manase. Es solle mehr Aufmerksamkeit geben für Familienmitglieder, die leiden. Mbarios Wunsch schlägt in die gleiche Kerbe: Sie wünscht sich, dass wir in Österreich ihre Stimmen verstärken und ihnen Gehör verschaffen. Die Herausforderung bleibt es, die vorhandenen Ressourcen zum Wohl aller Bürgerinnen und Bürger des Landes zu nutzen.
Tansania
Hauptstadt: Dodoma
Sprachen: Swahili
(Amtssprache), Englisch
EinwohnerInnen: 61.741.120 (2022)
Fläche: 945.087 km²
BIP pro Kopf: ca. 1098 Euro (Weltweit: 12.174 Euro, 2023)
Quelle: Maria Wilbrink
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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