Papstschreiben
Gottes Liebeserklärung an die Armen
- Eine arme Kirche an der Seite der Armen – diese Vision trägt Papst Leo XIV. in seinem ersten Apostolischen Schreiben „Dilexi te“ weiter.
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Die Zuwendung zu den Armen ist Thema des ersten Lehrschreibens von Papst Leo XIV.
Der Sozialethiker Leopold Neuhold hat es gelesen.
Das am 4. Oktober, dem Fest des heiligen Franz von Assisi, vorgestellte Schreiben „Dilexi te“ bringt eine Fülle von Gesichtspunkten und Positionierungen des neuen Papstes. Aus dieser „Apostolischen Exhortation“ will ich einige Punkte hervorheben.
Oft ist es so, dass am Anfang einer Regierungszeit mit der Regierungserklärung ein Schwerpunkt auf das gelegt wird, was jetzt anders werden soll, meist auch in Abgrenzung zum Vorgänger oder zur Vorgängerin. Bei Papst Leo XIV. ist das Gegenteil der Fall: Er setzt auf Tradition, indem er Entwürfe und Ausarbeitungen seines Vorgängers Papst Franziskus verwendet, um sich mit seinem ersten größeren Dokument in die Tradition einzuschreiben.
Dabei handelt es sich nicht um eine Enzyklika, also ein Rundschreiben, das sich nach außen an alle richtet, sondern eben um eine Exhortation, eine Ermunterung und Aufforderung vor allem für und an die in der Kirche Versammelten, die „Option für die Armen“ im alltäglichen Leben zur leitenden Haltung zu machen.
Das Grundmotiv
Papst Leo greift nicht nur auf seinen unmittelbaren Vorgänger zurück, sondern ruft die gesamte kirchliche Tradition in Erinnerung, die den Armen und Ausgegrenzten einen besonderen Stellenwert zuspricht. Der Einsatz für die Armen ist ein Grundmotiv, das Papst Leo mit seinem Vorgänger teilt, das er an Personen und Einrichtungen wie Orden und christlichen Gemeinschaften festmacht und das über alle systemischen Veränderungen in der Gesellschaft hinweg seinen Ausdruck findet.
Der Papst geht mit dem programmatischen Titel „Dilexi te“ – „Ich habe mich dir in Liebe zugewandt“ (Offb 3,9) – von der „Liebeserklärung“ Gottes an die Armen und die an den Rand Gedrängten aus, wie sie im Alten und Neuen Testament auf vielfältige Weise unwiderruflich artikuliert wird und in Jesus Christus ihren leiblichen Ausdruck erfährt. Die Armen sind das besondere Anliegen nicht allein deswegen, weil sie arm sind, sondern weil Gott sich ihnen zuwendet – und zwar bevorzugt denen, die sonst keine Zuwendung erfahren. Es ist Aufgabe der Kirche und all der in ihr Versammelten, diese Zuwendung Gottes zu den Armen sicht- und greifbar zu machen.
Armen sind keine Objekte
Die Option für die Armen sondert die „Reichen“ nicht aus, sondern versucht, sie miteinzubeziehen, indem für beide Seiten eine Relativierung vorgenommen wird, eine Bezugsetzung der irdischen Güter auf ein gelungenes Leben hin. Die Armen werden dadurch aus ihrer Objektrolle, ihrem Status als bloße Almosenempfänger herausgenommen und auch in ihren Möglichkeiten als Geber gesehen, als Subjekte, „die in der Lage sind, eine eigene Kultur zu schaffen“, wie der Papst schreibt. Es ist wichtig, auf sie zu hören, da sie andere Aspekte der Wirklichkeit wahrnehmen. Das Ziel ist die Entwicklung aller miteinander und nicht gegeneinander.
Entlang der Tradition der christlichen Soziallehre entwirft das Schreiben realistische Wege zur Ausbildung von Vorgangsweisen und Einrichtungen, um diesem Ziel näherzukommen, wobei es die Priorität auf das Prinzip der Option für die Armen setzt. Das direkte Zugehen auf ein Ziel hin kann mitunter ja die Erreichung eines Zieles erschweren.
Reich an Beziehungen
Die Kirche soll in dem Sinne arm werden, dass sie Beziehungen ausbaut und dem Umstand entgegenwirkt, dass diese in der Armut oft gekappt werden. Frei gewählte Armut versetzt in die Notwendigkeit, mit anderen in Verbindung zu treten, um in Gemeinschaft das Leben zu meistern und zu einem Leben in Fülle zu gelangen. Armut weist darauf hin, dass ein solches Leben in Fülle nicht nur von der Befriedigung materieller Güter abhängt, sondern auch im Ausbau von Beziehungen zueinander und auf Gott hin gesucht werden soll.
Das Streben, die Armen vom Rand der Gesellschaft wegzubringen und sie in den Mittelpunkt zu stellen, darf nicht damit verbunden sein, dass dafür andere an den Rand gedrängt werden. Vielmehr muss es dazu führen, dass sich alle gemeinsam auf einen Weg begeben, dabei sich selbst öffnen und dies auch dem anderen ermöglichen, damit sie in der Liebe zu Brüdern und Schwestern werden. Leopold Neuhold
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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