Glaube
Der Reigentanz der Trinität

Br. David Steindl-Rast hat intensiv den Dialog mit anderen Religionen und spirituellen Traditionen gesucht. Gefragt, was er dabei entdeckt und gelernt habe, entfaltete er eine spannende Dreifaltigkeits-Theologie. | Foto: Pichler
  • Br. David Steindl-Rast hat intensiv den Dialog mit anderen Religionen und spirituellen Traditionen gesucht. Gefragt, was er dabei entdeckt und gelernt habe, entfaltete er eine spannende Dreifaltigkeits-Theologie.
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Stichwort: Religionen im Dialog

Eine interreligiöse Trinitätstheologie entwickelte Br. David Steindl-Rast. Im Gespräch mit Alfred Jokesch (S. 8–9) erläuterte er seinen interessanten Ansatz und wie er darauf stieß.

Die Religionen, unsere eigene eingeschlossen, sind nicht letztlich unsere Gottesbeziehung. Die Gottesbeziehung ist uns angeboren. Wir kennen dieses große Geheimnis. Das macht uns ja zu Menschen, dass wir auf dieses Geheimnis angelegt sind und uns mit ihm auseinandersetzen müssen, dass wir tiefe Fragen stellen: Was ist denn eigentlich alles? Warum gibt es überhaupt etwas? Wie soll ich leben? Diese existentiellen Fragen stellen sich jedem Menschen, der ein menschenwürdiges Leben führt, auch in unserer Gesellschaft – zumindest beim Tod eines Freundes, bei einer schweren Erkrankung, bei der Geburt eines Kindes oder in Gipfel­erlebnissen, die einfach aus dem Blauen kommen. Warum?
Das führt uns in die Tiefe: Was ist das? Wenn man immer weiterfragt, kommt man schließlich dazu – das ist jetzt schon religiös ausgedrückt: Letztlich ist alles Wort. Es sagt mir etwas. Wenn es mir nichts sagt, bemerke ich es ja gar nicht. Das Wort, das mich anspricht und aus dieser Tiefe kommt, ist zugleich mein Du, denn kein anderes Du versteht meine tiefsten Geheimnisse. Wenn uns jemand wirklich lieb ist, dann wollen wir ihm unsere Geschichte erzählen, unsere Lebensgeschichte, eine Geschichte, die erlebt wird. Und wir merken – je näher wir jemandem kommen, umso schmerzlicher –, dass es nicht ganz gelingt, weil eben jedes andere Du Vorwand – ein wunderschönes Wort – ist für unser großes Du.

Gott, das „Große Geheimnis“
Das ist eben dieser Urgrund, dieses Geheimnis. Und das spricht zu uns. Worauf es wirklich ankommt, ist Beziehung. Wenn die nicht gepflegt und kultiviert wird, sind wir nicht glücklich, und glücklich sind wir eben, wenn wir auf dieses Du bezogen sind, wenn wir hinhorchen auf jedes Wort und in Beziehung stehen mit uns selbst, mit allen anderen, mit Tieren, Pflanzen, Menschen und mit dem großen Geheimnis. Und im Christlichen ist das Du zugleich das Es, dieses komische Es, von dem wir immer sagen: Es regnet, es gibt dies und es gibt das … Dieses Es, das alles gibt, ist zugleich das große Du, und das ist das göttliche Geheimnis.
Und diese menschliche Grundreligiosität drückt sich in den verschiedenen Religionen unterschiedlich aus, weil sie zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Kulturen von ganz verschiedenen Menschen gegründet wurden und dann eine lange Geschichte haben, in der sie noch vieles aufgenommen und abgestoßen haben bis jetzt.
Wir sehen, dass die anderen Kulturen und Religionen von unserer tiefen menschlichen Religiosität andere Aspekte entwickelt und gepflegt haben und vielleicht etwas daraus gemacht haben, was wir übersehen haben. Ich habe Thomas Merton (Trappist und Mystiker) einmal gefragt, ob seine Beschäftigung mit dem Buddhismus etwas zu seinem Verständnis des Christentums beigetragen hat. Gewöhnlich, wenn man ihn so etwas gefragt hat, hat er nur gelacht, aber in dem Fall hat er sehr ernstlich darüber nachgedacht und nach einiger Zeit gesagt: „Ja, ich muss schon sagen, ich sehe das Christentum jetzt in einem ganz anderen Licht.“

Reden, schweigen, verstehen
Vom Buddhismus können wir als Christen lernen, was man eine Theologie des Vaters nennen könnte. Unsere Theologie enthält ja schon das Wort „Logos“ und ist fast ausschließlich Christologie. Wir haben sehr wenig über den Heiligen Geist und praktisch nichts über den Vater, weil wir unter Theologie Reden und Schreiben verstehen. Wenn das Schweigen das Entscheidende ist, sind wir verloren, das Herzstück der christlichen Tradition ist das Wort.

Das Herzstück der buddhistischen Tradition ist das Schweigen und wie man sich auf das Schweigen einlässt, wie man jedem Wort das Schweigen beifügt. Das könnten wir eine Theologie des Vaters nennen, und – darüber habe ich oft nachgedacht – dann müsste es doch auch eine Theologie des Heiligen Geistes geben. Das wäre das Verstehen. Aus dem Schweigen kommt das Wort, und das Verstehen, das ein tiefes Hören ist, führt uns wieder zurück in den Grund, aus dem das Wort kommt, zum Vater. Die kappadozischen Väter haben das den Reigentanz der Trinität genannt. Ich habe mir dann gedacht, es müsste doch noch eine große Religion geben, die die Theologie des Heiligen Geistes entfaltet hat, das Verstehen also. Und dann habe ich von Swami Venkatesananda, einem ganz großen hinduistischen Dichter und Lehrer, ausdrücklich gehört, dass Yoga, die Spiritualität des Hinduismus, „Verstehen“ bedeutet.

Und plötzlich war für mich das Ganze da. Unsere Gottesbeziehung ist zu unerschöpflich, als dass eine Religion sie ganz ausschöpfen könnte. Wir haben uns als Christen auf das Wort konzentriert. Ebenso haben sich die Buddhisten auf das Schweigen und die Hindus auf das Verstehen konzentriert. Wunderschön. Wir können alles Mögliche voneinander lernen und tun es auch.

David Steindl-Rast

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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