Seligsprechung
Der Primas des Jahrtausends

Der polnische Papst Johannes Paul II. begegnet 1978 beim Gottesdienst zum Amtsantritt seinem früheren Primas Kardinal Stefan Wyszynski. In ihrer unterschiedlichen Art trugen beide zur Festigung der Kirche im Kommunismus bei, bis hin zu dessen Überwindung.
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Kardinal Stefan Wyszynski, als Primas von Polen Bollwerk gegen kommunistische Kirchenfeinde, wird in Warschau seliggesprochen.

Dem sowjetischen Diktator Josef Stalin wird das Spottwort zugeschrieben, der Kommunismus passe zu Polen wie ein Reitsattel auf eine Kuh. Zumindest so weit wird er mit dem glühenden Antikommunisten Stefan Wyszynski einer Meinung gewesen sein. Doch hätte derselbe Stalin, der einst höhnisch fragte, wie viele Divisionen denn der Papst habe, wohl gestaunt, was ein Papst aus Polen dann in den 1980er Jahren mit dem Kommunismus anstellte.

Kardinal Wyszynski hatte prophezeit, sein junger Amtsbruder Karol Wojtyla werde einst „die Kirche ins 21. Jahrhundert führen“. Er behielt Recht; Wojtyla wurde zu Papst Johannes Paul II. (Amtszeit 1978–2005) und später sogar heiliggesprochen. Nun folgt am 12. September die Seligsprechung des polnischen Primas Wyszynski (1901–1981).

Verfolgt. Wyszynski war von 1948 bis zu seinem Tod der höchste Würdenträger der Kirche in Polen. Während der deutschen Besatzung war er Seelsorger der Untergrundarmee und versteckte wiederholt verfolgte Juden.
Pius XII. ernannte Wyszynski 1946 zum Bischof von Lublin und im November 1948 zum Erzbischof von Warschau und Gnesen und damit zum Primas von Polen. Auf dem Höhepunkt der kommunistischen Kirchenverfolgung wurde Wyszynski 1953 inhaftiert und erst 1956 wieder freigelassen. Seine Wurzeln hatte er in der traditionellen ländlichen Frömmigkeit der Polen – und in der felsenfesten Überzeugung der Einheit von Nation und Katholizismus.

Wyszynski und Wojtyla. Wyszynski war ein politischer Fuchs und besaß ein sicheres strategisches Gespür. Doch bei einem lag er zunächst sehr falsch: dem jungen Karol Wojtyla. Die Kommunisten wollten einen nicht zu „politischen“ Bischofskandidaten für Krakau. In Wojtyla sahen sie einen intellektuellen Schöngeist, der keinen Ärger macht. Ein Urteil, das sie mit Wyszynski teilten; der hielt ihn, etwas ratlos, für „einen Dichter“.
Wojtyla war keineswegs Wyszynskis Wunschkandidat. Doch der junge Krakauer zeigte sich ihm gegenüber sehr loyal – zum Ärger der Kommunisten, die gehofft hatten, durch ihre Unterschiedlichkeit einen Keil zwischen die beiden treiben zu können. Der gelernte Schauspieler und Schriftsteller Wojtyla konnte die Jugend begeistern. Und er konnte auch jene städtische Intelligentsia mit der Kirche als oppositioneller Kraft verbünden, der der bodenständige Wyszynski eher misstraute.

Beharrlichkeit. Der Kampf gegen den Kommunismus einte die beiden Kirchenführer. Ihre Strategie war nicht offene Konfrontation, sondern Wahrhaftigkeit und Beharrlichkeit. Wie sein Krakauer Pendant nahm auch Wyszynski an allen Sessionen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) teil. Doch anders als Wojtyla mied der Primas kirchliche Neuerungen, um nicht das Band zwischen Kirche und Volk zu gefährden.
Wojtyla kämpfte vor allem mit den Waffen des Intellektuellen, mit Zuhören, Diskutieren und Ausloten. Die Formulierung der Religionsfreiheit durch das Konzil gab ihm ein ähnliches Dynamit in die Hand wie später die KSZE-Schlussakte von Helsinki: Religionsfreiheit als positives Menschenrecht, das man einfordern kann. Deshalb konnte Wojtyla beim Konklave 1978 viele Stimmen aus den USA und Westeuropa auf sich vereinen, während Wyszynski nicht zum die Blöcke übergreifenden „papabile“ taugte.

Versöhnung. Von historischer Bedeutung ist das unter Wyszynskis Leitung 1965 verfasste „Wort der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Brüder im Bischofsamt“, mit dem ein bis heute wirkender tiefer Versöhnungsprozess startete. Zentral waren die Worte: „Wir vergeben und bitten um Vergebung.“
In Polen wird Wyszynski noch immer als „Primas des Jahrtausends“ verehrt. Im Herbst 2019 teilte der Vatikan die Anerkennung eines Heilungswunders auf Wyszynskis Fürsprache mit; damit war der Weg zur Seligsprechung frei. Papst Franziskus bestätigte, dass 1988 eine krebskranke junge Frau nach Fürbitte bei Wyszynski genesen sei; sie ist heute 50 Jahre alt.

Alexander Brüggemann

Der polnische Papst Johannes Paul II. begegnet 1978 beim Gottesdienst zum Amtsantritt seinem früheren Primas Kardinal Stefan Wyszynski. In ihrer unterschiedlichen Art trugen beide zur Festigung der Kirche im Kommunismus bei, bis hin zu dessen Überwindung.
Transparent mit Kardinal Stefan Wyszynski, der die polnische Kirche durch schwere Zeiten führte und nun selig-gesprochen wird.
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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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