Interview
Arbeit prägt das Leben

Bei einer Betriebsbesichtigung Lehrlingen über die Schulter schauen und Arbeitsbedingungen kennen lernen: Peter 
Hochegger (links) mit Bischof Wilhelm Krautwaschl (Mitte).
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  • Bei einer Betriebsbesichtigung Lehrlingen über die Schulter schauen und Arbeitsbedingungen kennen lernen: Peter
    Hochegger (links) mit Bischof Wilhelm Krautwaschl (Mitte).
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Ing. Mag. Peter Hochegger, langjähriger Leiter des WIFI Steiermark, derzeit geschäftsführender Vorsitzender des Fonds für Arbeit und Bildung der Diözese Graz-Seckau, im Gespräch mit dem SONNTAGSBLATT über die aktuelle Situation am Arbeitsmarkt, den Nutzen einer sozialökonomischen Wirtschaft und den Auftrag der Kirche in diesem Feld.

Als gelernter Elektriker und späterer Leiter des Wirtschaftsförderungsinstituts der Wirtschaftskammern Österreich (kurz WIFI) kennt Ing. Mag. Peter Hochegger die Arbeitswelt von vielen Seiten – auch von ihren nicht so schönen. Als geschäftsführender Vorsitzender des Fonds für Arbeit und Bildung der Diözese Graz-Seckau möchte er für Benachteiligte etwas bewegen.

Wie beurteilen Sie die derzeitige Lage am Arbeitsmarkt?

Zuerst einmal möchte ich grundsätzlich festhalten, dass nach dem Standpunkt des Fonds für Arbeit und Bildung der Diözese Graz Seckau der Arbeitsmarkt nicht nur während einer Krise so stark im Fokus liegen sollte, sondern als eine permanente Aufgabenstellung für Politik und Gesellschaft gesehen werden muss.
Wenn wir die aktuelle Lage betrachten, zeigt sich: Gemessen an den Anfängen der Krise ist die Entwicklung in der Zwischenzeit schon wieder entspannter. Natürlich sind die hohen Arbeitslosenzahlen schlimm und unerwünscht, besonders für jede einzelne Arbeitslose und jeden einzelnen Arbeitslosen, aber aufs Ganze gesehen ist schon viel geschafft worden in den letzten Wochen und Monaten. Was uns klar sein muss: Wir müssen damit leben, dass wir derzeit neben der Corona-Krise auch eine internationale Wirtschaftskrise, eine Finanzkrise, eine Arbeitsmarktkrise und eine Gesundheitskrise haben. Und nicht zu vergessen: die Klima-Problematik. Diese Herausforderungen werden uns – ich betone – längerfristig begleiten.

Was denken Sie über den aktuellen Trend zur Kurzarbeit?
Kurzarbeit wird derzeit als Krisen-Programm dargestellt. In Wirklichkeit ist es aber aus meiner Sicht ein zukunftsorientierter Lösungsansatz. Am Arbeitsmarkt und in der Wirtschaft gab es immer Schwankungen: Zeiten, wo es viel Arbeit gab, und dann wieder Phasen mit viel Arbeitslosigkeit. Wenn ich in so einer Situation Kurzarbeitsmodelle vorfinde, die eine Alternative bieten zu entweder Beschäftigung oder Arbeitslosigkeit, dann ist das ein sinnvoller Kompromiss und für mich zukunftstauglich.
Die Politik arbeitet derzeit glücklicherweise an einem Modell, mit dem es möglich sein wird, Arbeitszeit, Lernzeit und Freizeit zu kombinieren und zu harmonisieren. Mir ist es wichtig zu betonen, dass vor allem das Lernen, das Qualifizieren, einen ganz entscheidenden Aspekt für Betroffene von Arbeitslosigkeit darstellt. Ich bin überzeugt davon, dass es da in der nächsten Zeit ein gutes Modell geben wird.

Warum betonen Sie den Aspekt des Qualifizierens?
Da möchte ich kurz ausholen: Zwei Dinge fordern den Arbeitsmarkt und fördern Arbeitslosigkeit: die quantitative Herausforderung, dass immer mehr Menschen auf den Arbeitsmarkt drängen, und die qualitative Herausforderung, dass die Qualifikationen der Arbeitsuchenden nicht zu den offenen Stellen passen. Darum ist es unbedingt nowendig, dass sich die BewerberInnen am Arbeitsmarkt qualifizieren.
Außerdem haben sich durch den wirtschaftlichen Wandel, durch Automatisierung, Digitalisierung und Innovation die Herausforderungen an den einzelnen Arbeitsplätzen massiv verändert und werden dies auch weiter tun. Deswegen ist es heute und in Zukunft mehr denn je notwendig, dass Menschen in ihrer Berufslaufbahn öfter umsteigen und dafür andere Qualifikationen erwerben.
Da sehe ich das Kurzarbeitsmodell mit integrierten Lernzeiten als eine richtige Antwort. Qualifizieren konnte und kann man sich bisher natürlich immer schon freiwillig, aber das ist auch eine Frage der Mach- und Leistbarkeit. Daher ist alles, was an Weiterbildung und Qualifizierung systemimmanent veranlasst und finanziell gefördert werden kann, sinnvoll, denn es hat eine größere Breitenwirkung und kann viel mehr Menschen erreichen.
 
Sie teilen den Arbeitsmarkt in drei Sektoren: private, öffentliche und sozial-ökonomische Wirtschaft – warum?

Ich möchte wegkommen vom Schwarz-Weiß-Denken: Hier ist die Privatwirtschaft, dort ist die öffentliche Hand – beide bieten Arbeitsplätze, und wer in einer dieser zwei Welten nicht Fuß fassen kann, fällt durch den Rost, hat Pech gehabt, ist ein Benachteiligter, ein Arbeitsloser, ein Notstandsbezieher, mit dem irgendetwas nicht in Ordnung ist. Das möchte ich auflösen.
Mein Anliegen ist nicht, Forderungen aufzustellen, sondern Lösungsansätze aufzuzeigen. Es wird immer einen Anteil in unserer Gesellschaft geben, der benachteiligt ist. Manche Menschen machen aus ihren Talenten mehr und manche weniger. Manche haben Pech oder eine gesundheitliche oder intellektuelle Beeinträchtigung. Darum wird es immer eine relativ große Anzahl von Menschen geben, die benachteiligt sind. In Österreich gibt es derzeit beispielsweise etwa 200.000 Mindestsicherungsbeziehende – das ist eine große Zahl. Für diese Menschen muss es andere Angebote geben. Ich stelle mir vor, dass Österreich für benachteiligte Menschen einen eigenen Wirtschaftssektor – die Sozialökonomie – entwickelt.

Was ist und kann eine Sozialökonomie?
Sozialökonomie heißt, dass man ganz bewusst und gezielt Institutionen und Unternehmen implementiert, die genau für diese benachteiligten Gruppen eine Plattform bieten und ein Netzwerk schaffen. Jeder und jede Benachteiligte soll die Möglichkeit haben, sich zu betätigen und sich damit
existenziell abzusichern und, wenn es möglich ist, sich zu qualifizieren. Dann kann ein Sozialstatus entstehen, der Menschen nicht mehr als Bittsteller abstempelt.
Derzeit gibt es einige gute Projekte von NGOs, aber dieses Feld gehört definitiv ausgebaut und weiterentwickelt. Dafür wollen wir uns vom Fonds für Arbeit und Bildung der Diözese stark machen. Denn sozialökonomische Projekte rechnen sich auch gesellschaftlich. Dazu gibt es Studien, die belegen, dass Menschen mit Beschäftigung gefestigter sind! Sie tragen etwas zum Staatseinkommen bei, können sich selbst finanzieren, sind sozial integrierter und dadurch auch nachweislich gesünder.

Wo sehen Sie die Aufgabe der Kirche in diesem Themenfeld?
Benachteiligte haben in Gesellschaft und Wirtschaft keine Lobby, keine Vereinigung, keine Gewerkschaft. Aus der christlichen Botschaft heraus meine ich, dass Kirche hier die Interessensvertretung von Benachteiligten sein sollte. Daher muss es ein Anliegen der Kirche sein, sich mit Expertinnen und Experten in diesem Bereich gesellschaftspolitisch zu engagieren. Denn mit Blick auf die Krisen unserer Zeit müssen wir klar und ohne Panikmache feststellen: Die Armut wird sich vergrößern, und die Gruppe von Armutsgefährdeten und Armutsbetroffenen wird wachsen.

Das Interview führte Katharina Grager

Fonds für Arbeit und Bildung
Die von Bischof Johann Weber als „Arbeitslosenfonds“ gegründete Einrichtung unterstützt Arbeitsuchende u. a. bei der Qualifizierung.
IBAN AT58 3800 0000 0027 7111

Bei einer Betriebsbesichtigung Lehrlingen über die Schulter schauen und Arbeitsbedingungen kennen lernen: Peter 
Hochegger (links) mit Bischof Wilhelm Krautwaschl (Mitte).
Peter Hochegger war langjähriger Leiter des WIFI Steiermark und Erfinder des „TalentCenter“, wo Jugendliche ihre Talente testen können.
Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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