Vor den Vorhang
Ein Leben lang Mutter

Von den knapp 77.000 Kindern, die in der Steiermark pro Jahr zur Welt kommen, werden etwa sieben zur Adoption freigegeben.  | Foto: Mariakray/iStock (Symbolbild)
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  • Von den knapp 77.000 Kindern, die in der Steiermark pro Jahr zur Welt kommen, werden etwa sieben zur Adoption freigegeben.
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Tag der Herkunftsmütter. Der Samstag vor dem Muttertag ist Frauen gewidmet, die Kinder zur Adoption freigegeben haben.

Heute hat Maria sich entschieden. Nach Monaten des Zweifelns und des Verzweifelns, nach nicht enden wollendem Abwägen von Für und Wider wird sie ein zweites Mal eintreten für ihr Kind. Ihr erstes „Ja“ für das noch Ungeborene fällte die Steirerin in der elften Woche ihrer Schwangerschaft. Ein Abbruch wäre in Österreich zu diesem Zeitpunkt noch straffrei für sie ausgegangen, doch sie entschied sich für das Leben. Heute, 28 Wochen später, handelt die Achtzehnjährige erneut zum Wohle ihres Kindes – selbst, wenn sie damit die eigene Befindlichkeit hintanstellt.

Ihr Baby wird Maria im Krankenhaus anonym zur Welt bringen und freigeben, in die betreuenden Hände einer Kinderkrankenschwester. Danach wird sie auf schnellstem Weg nach Hause gehen, in die Einzimmerwohnung, die Schutz bietet vor ihrer Herkunftsfamilie und der Gewalt des Kindsvaters. Sie wird sich weiterhin der Psychologin anvertrauen, die in den Monaten der Schwangerschaft zugehört hat, nie wertend war und Möglichkeiten mit ihr durchgegangen ist in dieser für sie ausweglos erscheinenden Situation.

Muttertag und Herkunftsmuttertag
Ortswechsel. Ein kleines, freundlich eingerichtetes Büro mit rundem Besprechungstisch, auf dem Beratungsfolder in hellen Farben liegen. Verena Reis und Ulla Pongratz-Elsnig sind mitten in den Vorbereitungen für ein besonderes Mutter-Vater-Kind-Treffen am Nachmittag. Eltern, deren Sprösslinge multilingual aufwachsen, werden dort Tipps erhalten zur mehrsprachigen Erziehung. Trotz Zeitdruck nehmen sich die beiden Caritas-Mitarbeiterinnen Zeit für Fragen rund um einen Feiertag, der von vielen Frauen nur im Geheimen begangen wird: dem Herkunftsmuttertag – immer am Samstag vor dem Muttertag.

Entscheidung für das Leben
Den so genannten „Birthmother’s day“ (auf Deutsch so viel wie „Geburtsmuttertag“) gründeten 1990 betroffene Mütter in der US-amerikanischen Stadt Seattle, allesamt Frauen, die ihre Kinder anderen überantwortet haben. Während Mutterschaft hoch angesehen ist, sei das Thema Herkunftsmutterschaft nach wie vor tabuisiert, so Ulla Pongratz-Elsnig von der Caritas. Die Koordinatorin der Kontaktstelle Anonyme Geburt erklärt geduldig die komplexen Vorgänge rund um anonyme Geburt und Adoption und die weniger geläufigen Begriffe.
Seit 2001 haben Frauen in Österreich die Möglichkeit, ihr Kind anonym im Krankenhaus zur Welt zu bringen. Bereits bekanntgegebene Daten wie Name oder Versicherungsnummer müssen auf Wunsch im Nachhinein gelöscht werden. Heimliche Geburten mit Kindesweglegung sollen dadurch verhindert werden. Dass dieses Ansinnen fruchtet, beweist eine im Zeitraum zwischen 2002 und 2010 von der Universität Wien durchgeführte Studie: Die Zahl der Säuglingstötungen war in den genannten acht Jahren um mehr als die Hälfte zurückgegangen.

Steiermark als Vorreiterin
In der Beratung geht die Steiermark noch einen Schritt weiter. Im Jahr 2001 lässt die damalige „Frau Landeshauptmann“ Waltraud Klasnic nach dem Erlass über Straffreiheit im Zuge von anonymer Geburt eine Kontaktstelle einrichten, in der Schwangere umfassend beraten werden sollen. Betroffene werden fortan bereits vor der Geburt informiert und begleitet. Dieses Angebot würden jährlich zwischen 50 und 60 Frauen in Anspruch nehmen, erzählt Verena Reis von der Kontaktstelle Anonyme Geburt der Caritas in Graz. Ihr Kind geben in der Steiermark etwa sieben bis acht Frauen im Jahr frei, wobei die Zahlen stark variieren können. „Es gibt Jahre, in denen viele anonyme Geburten stattfinden – an die 14 oder mehr. Und dann wiederum gibt es Zeiträume mit nur einer einzigen Kindesfreigabe – so wie im Jahr 2024“, erklärt die Psychologin. Dass die Steiermark als einziges Bundesland in Österreich derart umfassend beraten kann – darauf sei man stolz. Die 172 anonymen Geburten innerhalb des 24-jährigen Bestehens ihrer Einrichtung würden die Notwendigkeit der Kontaktstelle verdeutlichen. In den übrigen österreichischen Bundesländern seien Information und Betreuung rund um die anonyme Geburt über Spitäler oder andere Einrichtungen geregelt.

Multiproblemlagen
Wer sind die Frauen, die ihre Kinder weggeben? Die Bitte nach einem Fallbeispiel aus dem Beratungsalltag verneint Ulla Pongratz-Elsnig schon beim Vorgespräch zum Interview höflich am Telefon. DIE „typische“ Herkunftsmutter gäbe es ebensowenig wie DEN „klassischen“ Weg einer Frau, die ihr Kind zur Adoption freigibt, sagt die Koordinatorin der Kontaktstelle Anonyme Geburt – Babyklappe der Caritas in Graz. Zwischen 15 und 48 Jahre alt seien sie laut anonymisierter Statistik, in der sich Schulabbrecherinnen ebenso fänden wie Akademikerinnen, Erstgebärende als auch bereits mehrfache Mütter. Nur eines hätten alle freigebenden Mütter gemeinsam: Keine von ihnen hätte je gedacht, einmal Herkunftsmutter zu werden. Und: Sie alle würden sich in „multiplen Problemlagen“ befinden, in von Gewalt geprägten Beziehungen oder niemanden im Leben haben.

Entscheidung aus Liebe
„Es war Liebe auf den ersten Blick, als wir unser kleines Mädchen zum ersten Mal im Arm hielten“, steht auf einer Karte, die die Mitarbeiterinnen der Caritas-Kontaktstelle auf ihre Homepage hochgeladen haben. „Am Anfang haben wir oft an Dich gedacht – wer Du bist, wo Du bist und wie es Dir geht?“, fragen die Adoptiveltern die freigebende Mutter in ihrem Brief. Mit handgeschriebenen Texten wie diesen (siehe kleines Bild links) soll Adoptiveltern die Möglichkeit gegeben werden, sich an die ihnen nicht bekannten leiblichen Mütter ihrer Adoptivkinder zu richten. „Ich werde auf dein Kind achtgeben, so lange ich lebe. Ich verneige mich vor dir und deinem Mut“, steht in einer anderen Botschaft.

Verständnis, Respekt und Akzeptanz
Auf die Frage, was sie sich im Hinblick auf den Herkunftsmuttertag wünschen, antworten Ulla Pongratz-Elsnig und Verena Reis fast wie aus einem Munde: Toleranz, vor allem aber Wertschätzung für Herkunftsmütter, die auch ohne Kind ein Leben lang Mutter sind. Hinter jeder Kindesfreigabe stünden schwerwiegende Gründe, und keine Frau gebe leichtfertig ihr Kind in Obhut anderer. Achtsamkeit im Sinne von Wertfreiheit sei gefragt, Respekt und Akzeptanz. Oder, wie Adoptiveltern in einem offenen Brief an die Herkunftsmutter ihrer Tochter formuliert haben: „Die Bewunderung für deinen Mut, dieses Kind zur Welt zu bringen und die große Dankbarkeit, es uns anzuvertrauen, bleiben für immer bestehen.“

Anna Maria Steiner

Beratung und Hilfe
Kontaktstelle Anonyme Geburt

Caritas Steiermark, Grabenstraße 39, 8010 Graz
Tel: 0800/83 83 83 oder 0676/88015 218 oder 0676/88015 7167
www.caritas-steiermark.at/hilfe-angebote/familien-frauen

Von den knapp 77.000 Kindern, die in der Steiermark pro Jahr zur Welt kommen, werden etwa sieben zur Adoption freigegeben.  | Foto: Mariakray/iStock (Symbolbild)
Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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