Interview mit Schulamtsleiter Benedikt Michal
Wenn das Kind sich vom Glauben abwendet
- Dr. Benedikt Michael ist Leiter des katholischen Schulamts der Diözese St. Pölten.
- Foto: Diözese St. Pölten
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Viele Menschen empfinden es als schmerzhaft, wenn das eigene (Enkel-) Kind sich vom Glauben abwendet. Dr. Benedikt Michal, Leiter des katholischen Schulamts der Diözese St. Pölten, hat sich mit diesem Thema intensiv beschäftigt und rät dazu, „Samenkörner zu pflanzen“.
Sie haben das Buch des US-amerikanischen Autors Brandon Vogt „Return“ ins Deutsche übersetzt. Darin beschreibt er Möglichkeiten, wie das eigene Kind wieder zur Kirche findet. Was hat Sie an diesem Thema angesprochen?
Benedikt Michal: Ich habe ein Jahr lang für „Radio Maria Österreich“ gearbeitet, dort kam das Thema immer wieder: Menschen haben um ein Gebet für ihre Kinder oder Enkelkinder, die nicht mehr in die Kirche gehen, gebeten. Ich habe mich dann gefragt: Was können wir sinnvollerweise tun? Diese Menschen möchten den Glauben weitergeben und merken, dass die Glaubensweitergabe, wie sie jahrhundertelang in unserer Gesellschaft funktioniert hat, nicht mehr funktioniert.
Im deutschsprachigen Bereich habe ich kaum Analysen oder Antworten gefunden. Im Gefolge des US-amerikanischen Bischofs Robert Barron, der mit Youtube-Videos und Podcasts international bekannt wurde, stieß ich auf das Buch seines Assistenten Brandon Vogt. Es geht darin nicht nur um Gebet und Kommunikation, sondern es bringt ganzheitlich die verschiedenen Ebenen zusammen. Man wird Schritt für Schritt durch das Thema geführt.
Manche Eltern empfinden Frust oder Scham, wenn ihr Kind sich vom Glauben abwendet.
Michal: Ja, und den Frust lässt man vielleicht an den Kindern aus. Das ist ja nicht hilfreich. Sehr nett finde ich folgendes Bild: Ich betrachte mein Kind wie einen jungen Augustinus. Seine Mutter Monika hat sich auch lange gefragt: „Was habe ich falsch gemacht?“ Doch wenn man zurückblickt: Wir haben letztlich einen Kirchenlehrer durch sie bekommen. Da bekommt man eine ganz andere Perspektive: Es gibt immer Hoffnung. Gott will das Heil auch für mein Kind, mein Enkelkind.
Gibt es Unterschiede zwischen Österreich und den USA, was die Situation der katholischen Kirche betrifft?
Michal: Historisch gewachsen sind viele Unterschiede, dennoch gibt es einige Gleichzeitigkeiten. Die Tendenz der Säkularisierung ist in beiden Staaten da. Das Buch zitiert Studien, die untersuchen, warum junge Menschen von der Kirche weggehen. Hauptsächlich ist das ein allmähliches Entfernen: Man geht ein bisschen seltener in die Kirche, der Glaube wird ein bisschen weniger wichtig – und dann kommt der Punkt: Eigentlich geht mir der Glaube nicht ab. Andererseits gibt es derzeit wieder eine Sinnsuche, besonders angesichts der Kriege, des Konsumwahns, der ökologischen Zerstörung, der Ungerechtigkeiten. Gibt es da nicht einen anderen „Sinn“, der mein Leben bereichern würde?
Die erste Frage junger Menschen ist: Wie kann ich dazugehören?
Sie haben über die Schule Kontakt mit vielen jungen Menschen. Was sind aus Ihrer Sicht Gründe, warum junge Menschen sich von der Kirche entfernen?
Michal: Da gibt es natürlich viele Gründe. Manchmal führt die familiäre Situation dazu, z. B. eine Scheidung der Eltern. Manchmal wird die Kirche auf moralische Fragen reduziert: Wie muss ich mich verhalten? Die erste Frage für junge Menschen ist aber: Wie kann ich dazugehören? Die zweite Frage ist: Was glaube ich? Und dann erst folgt das Verhalten. Ein Gebot allein macht keinen Sinn. Erst aus der Liebe und der Beziehung heraus erklärt sich vieles, und es ergibt sich, wie ich mich verhalte.
Was tun, wenn ein Teenager vor Ort keine christliche Gemeinschaft mehr vorfindet, weil es z. B. keine KJ gibt?
Michal: Unsere Gesellschaft ist so divers, dass ein Konzept nicht mehr für alle funktioniert. Das spricht nicht gegen das Konzept! Es gibt die Grundvollzüge der Kirche, die für die einen oder anderen unterschiedlich attraktiv sind: Verkündigung, Liturgie, Gemeinschaft und Diakonie. In der Katholischen Jugend ist die Diakonie, die gelebte Nächstenliebe, ganz stark: Über dieses „Tor“ versucht die KJ, Menschen in die Gemeinschaft der Kirche hereinzuholen. Andere Modelle wie die „Jugend-Alpha-Kurse“ gehen über die Glaubens-Verkündigung; die Ministranten-Arbeit arbeitet mit der Faszination der Liturgie. Mein Ansatz von Jugendpastoral ist der: Jeder arbeitet über ein Eingangstor und führt zum großen Ganzen hin. Wir Menschen sind unterschiedlich, und Gott sei Dank haben wir unterschiedliche Zugänge. Es gibt auch die Angebote der Orden und Stifte, z. B. die Jugendvesper im Stift Seitenstetten, sowie die Jugendhäuser. Dazu kommt das digitale Universum, wo man mitmachen und „Nahrung“ bekommen kann.
Was nennt Brandon Vogt noch an Gründen für das Fernbleiben?
Michal: Brandon Vogt zitiert zwei Studien und die beiden Hauptgründe sind: dass die spirituellen Bedürfnisse nicht erfüllt werden sowie das verlorene Interesse an Religion allgemein.
Der Autor nennt „fünf Schwellen der Bekehrung“. Was kann man sich darunter vorstellen?
Michal: Man hat untersucht, dass Menschen, die gläubig werden, alle an fünf Punkten vorbeikommen, so unterschiedlich ihre Wege auch sind. Sie brauchen zunächst einmal Vertrauen zu einer Person, um überhaupt zuzuhören. Es geht darum, als Person glaub- und vertrauenswürdig zu sein. Jede Schülergruppe testet das im Unterricht! Es kommt z. B. beim Thema Bibel oft die Frage: „Haben Sie die Bibel schon einmal ganz gelesen?“
Die zweite ist die Stufe der Neugier. Im Religionsunterricht beim Thema Beichte kommen oft Fragen wie: „Was ist, wenn man jemanden ermordet hat?“ Das sind keine Fragen aus dem Leben des Schülers, sondern man nähert sich neugierig dem Thema an. Wenn man die Frage als Religionslehrer beantwortet hat, dann sind die Schüler noch nicht gläubig, aber sie haben diese Stufe durchlaufen.
Diese Neugier ist heute eine Chance für Kinder und Jugendliche, die nicht mehr kirchlich sozialisiert sind.
Michal: Das kann ich unterstreichen. Wenn ich Schüler ohne religiöses Bekenntnis im Unterricht habe, dann stellen die oft viele und sehr interessante Fragen.
Die dritte Stufe ist eine Art passive Offenheit: Vielleicht ist was dran, vielleicht nicht. Man hat sich noch nicht festgelegt, es gibt kein aktives Bemühen. Aber ein Türspalt ist offen. Die vierte Stufe besteht darin, wirklich fokussiert zu suchen: Kann ich darauf vertrauen? Und schließlich geht es um die bewusste Nachfolge und das Leben in der Beziehung mit Gott. Laut Forschungen haben nur wenige Prozent der Gläubigen diese persönliche Beziehung.
Manche Jugendliche erleben die Sonntagsmesse als langweilig.
Michal: Die Frage ist, wie eine Messe gestaltet ist. Jugendliche müssen erfahren können, was der Kern der Feier ist: das Geheimnis der Realpräsenz.
Und wenn ein Teenager einwendet, dass er die Realpräsenz nicht spürt?
Michal: Einwände sollte man grundsätzlich nicht wegwischen, indem man z. B. sagt: „Du hast das nicht verstanden.“ Die Messe ist eine Einladung, die Feier kann nicht erzwungen werden – das wäre ein innerer Widerspruch. Ich frage junge Leute gerne, wie sie eine Beziehung gestalten: Reicht es, den oder die geliebte Person zwei oder drei Mal im Jahr zu sehen? Nein, man will sie möglichst oft sehen, ist dann die Antwort. Auch das Gebet und die sonntägliche Messe sind Ausdruck einer Beziehung, die gelebt wird. Wenn man nur die Pflicht in einer Beziehung sieht, hat man ein Beziehungsproblem.
Bei der Wandlung soll ja auch mein eigenes Leben gewandelt werden: Was lege ich auf den Altar, das gewandelt werden soll? Das hat viel mit meinem eigenen Leben zu tun! Christliches Leben besteht darin, sich ständig von Jesus wandeln zu lassen.
Wenn es nicht gelingt, den Glauben an die Kinder weiterzugeben, können Schuldgefühle entstehen.
Michal: Weil die Eltern so sind, deshalb sind die Kinder so geworden – diese Verknüpfung stimmt sicher nicht. Es gibt die Freiheit der persönlichen Entscheidung. Kinder sind unterschiedlich und gehen ihre eigenen Wege. Nichtsdestotrotz ist es Aufgabe der Eltern, ein gutes Vorbild zu sein. Man muss nicht jede Frage beantworten können, darum geht es nicht. Man kann gemeinsam lernen, gemeinsam Neues entdecken. Papst Paul VI. sagte, wir brauchen nicht mehr Lehrer des Glaubens, sondern Zeugen.
Was kann ich konkret tun, um mein Kind wieder für den Glauben zu gewinnen?
Michal: Man kann „Samenkörner pflanzen“. Man kann nicht die eine Sache machen, und dann sind die Kinder wieder zurück. Das ist ein Prozess, für den es Geduld braucht. Beispiele für „Samenkörner“ sind Erfahrungen des christlichen Glaubens: die bedingungslose Liebe der Eltern erleben (auch wenn ich etwas mache, was meine Eltern nicht gut finden); Vergebung erfahren (um Vergebung bitten, Vergebung schenken); das Interesse an mir als Person erleben und Unterstützung bekommen; ein gastfreundliches und offenes Haus gestalten; altersgemäße Ausdrucksformen des Glaubens kennen lernen.
Interview: Patricia Harant-Schagerl
Autor:Patricia Harant-Schagerl aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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