Maria im Stundengebet
Erlösermutter
- Martin Altomonte: Madonna mit dem Jesuskinde (1727). Zu sehen im Wien Museum.
- Foto: Wien Museum, Birgit und Peter Kainz
- hochgeladen von Matthias Wunder
Unlängst klärte der Vatikan Fragen zu Maria als „Miterlöserin“. Dass Maria aber Mutter des Erlösers ist, steht außer Frage. Der Hymnus „Alma Redemptoris Mater“, den katholische Geistliche im Advent am Ende der Vesper beten, macht das besonders deutlich.
Das Kirchenjahr kennt Fest- und Besinnungszeiten, Ruhepausen und Momente der Freude: Der jährlich wiederkehrende Reigen, der das Leben und Wirken, die Geburt, den Tod und die Auferstehung Jesu Christi nachvollzieht, atmet im gleichen Rhythmus des Lebens der Menschen und der Erde. Dass das Leben der Kirche auch im alltäglichen Gebet vom Kreis des Jahres geprägt ist, zeigt sich unter anderem im Stundengebet. Von Geistlichen und Ordensleuten auf der ganzen Welt gebetet, bildet es das immerwährende Gebet der Kirche, das kein Ende findet: Beendet die eine Gemeinschaft ihren Tag mit der Komplet, beginnt eine andere Gemeinschaft an einem anderen Ort der Welt mit der Laudes ihr Tagwerk.
Maria im Stundengebet
Am Ende der Vesper, des großen Abendgebets der Kirche, nehmen die Mönche, Nonnen, Priester und Diakone Abschied vom Tag und bereiten sich auf die Nacht vor, die sie, ebenso wie den Tag, Gott weihen wollen. Sie nehmen Maria mit hinein in ihr Beten und Singen, da sie das Vorbild für den gläubigen Menschen schlechthin ist: Ihr bedingungsloses Ja zu Gott ist Beispiel für alle Menschen. Am Ende der Vesper, in dem Psalmen, Fürbitten, Orationen und Hymnen gebetet und gesungen werden, steht immer eine Marianische Antiphon – und diese setzt einen immer anderen Fokus zu unterschiedlichen Zeiten im Jahr. Vier verschiedene Antiphonen gibt es: „Ave Regina Caelorum“, das in der Fastenzeit gesungen oder gebetet wird, „Regina Caeli“ für die Osterzeit, „Salve Regina“ im Jahreskreis und für Advent und Weihnachten „Alma Redemptoris Mater“, die auf das 11. Jahrhundert zurückgehen soll.
Erhabne Mutter des Erlösers,
du allzeit offene Pforte des Himmels
und Stern des Meeres,
komm, hilf deinem Volke,
das sich müht, vom Falle aufzustehn.
Du hast geboren, der Natur zum Staunen,
deinen heiligen Schöpfer.
die du, Jungfrau davor und danach,
aus Gabriels Mund vernahmst das
selige Ave,
o erbarme dich der Sünder.
Dieser kurze, aber auf jeden Fall sehr alte Text schärft den Betern ein, was Zentrum des Weihnachtsgeschehens ist: Gott selbst wird Mensch durch Maria. Ein Blick auf den Gesang, Zeile für Zeile genau betrachtend, zeigt denen, die an Christus glauben, die zentralen Momente und Inhalte unseres Glaubens.
Erhabne Mutter des Erlösers ...
Am Anfang der Antiphon steht die Anrede. Maria wird angesprochen über die Rolle, die ihr Sohn inne hat: Er ist der Erlöser der Welt, und sie ist seine Mutter. Die Erhabenheit, die Bedeutsamkeit seiner Aufgabe, spiegelt sich in Maria wider. Auch sie wird durch die Gnade, die ihr zuteil wurde, erhaben.
... du allzeit offene Pforte des Himmels ...
Durch Maria wurde Gott Mensch: Sie trug den Heiland der Welt aus und wurde so zur Pforte des Himmels. Es ist ihr Körper, durch den Gott sein Erlösungswerk an den Menschen beginnt.
Die Statue der gebärenden Maria im Linzer Dom rief bei vielen Menschen Unverständnis hervor. Doch von der künstlerischen Darstellung abgesehen, ist die Geburt Jesu ein wesentlicher Teil der Erlösungsgeschichte: Gott ist Mensch geworden und da gehört die Geburt, die Entbindung dazu.
Aber es ist eben nicht nur eine körperliche Dimension, auf die man achten muss: Auch die seelischen und geistigen Komponenten einer Schwangerschaft, der Geburt und des Mutterseins trug Maria mit und wurde so eben nicht nur körperlich, sondern auch seelisch-geistig „Pforte des Himmels“.
... und Stern des Meeres ...
Der Titel „Stern des Meeres“ geht auf den Kirchenvater Hieronymus zurück, der den Namen Marias als „stilla maris“ („Meerestropfen“) deutete. Daraus entwickelte sich „stella maris“ („Meerstern“) und aufbauend darauf eine Verehrung Marias als Patronin der Seeleute. In der Volksfrömmigkeit und später auch durch den heiligen Papst Johannes Paul II. sowie durch Papst Benedikt XVI. wurde diese Bedeutung ausgeweitet: Der leitende Stern auf hoher See wurde auch auf die Kirche und auf das Leben der einzelnen Menschen angewendet: Auch dort brauchen wir Orientierung und Beistand. Das leuchtende Vorbild Marias und ihre Fürsprache bei Gott bieten uns beides.
... komm, hilf deinem Volke,
das sich müht, vom Falle aufzustehn.
Es ist Marias „Volk“, das sie anruft: Gemeint ist das Volk Gottes, die Kirche, die Gemeinschaft der Gläubigen, die in Christus begründet ist. Die erlösende Tat Gottes in Jesus Christus gilt allen Menschen, die an Christus glauben. Ihr Mühen, vom Fall aufzustehen, deutet auf die Befreiung von der Erbsünde hin: Durch den Ungehorsam Adams und Evas in die Welt gesetzt, wurde sie durch den Sohn Marias gesühnt. Die Menschheit wird durch Christus erlöst, doch es braucht noch immer eigene Mühen und vor allem himmlichen Beistand, um die menschliche Fehlerhaftigkeit, die eigene Schwäche zu überwinden.
Du hast geboren, der Natur zum Staunen,
deinen heiligen Schöpfer.
die du, Jungfrau davor und danach, ...
Die Jungfrauengeburt ist für viele Menschen besonders schwer vorstellbar – doch sie gehört zum unaufgebbaren Glaubensschatz der Kirche. Was naturwissenschaftlich unmöglich klingt, wird im Wunderhandeln Gottes doch möglich. Und warum? Die Antwort gibt die Antiphon selbst: Es ist der Schöpfer, der da geboren wird, es ist der allmächtige Architekt und Hüter der ganzen Wirklichkeit. Für ihn ist nichts unmöglich. Dass er Mensch in einer Jungfrau wurde, die ihrerseits selbst ohne den Makel der Erbsünde geboren wurde, zeigt die Unterbrechung des Sündenverfalls durch die Geburt Christi an: Hier passiert etwas anderes, etwas, das nicht von dieser Welt ist und nicht in der Logik dieser Welt zu denken ist.
... aus Gabriels Mund vernahmst
das selige Ave, ...
Maria war die Adressatin Gottes in einer Engelsbotschaft. Sie, ein junges, unverheiratetes, ganz normales Mädchen, wurde von Gott angesprochen. Und zwar nicht irgendwie, nicht salopp, nicht von oben herab, sondern im feierlichen „Ave“, in dem Gott ihr begegnen möchte. „Der Herr ist mit dir!“, heißt es weiter. In die Gewöhnlichkeit menschlichen Lebens bricht Gottes Wort hinein, ein „seliges Ave“, eine Ansprache, die Gottes Beistand und Nähe, seine Zuwendung und auch die Bedeutsamkeit seines Auftrags deutlich macht. Es ist nichts Einfaches, was dieser Begrüßung folgt; es ist ein Auftrag, der Maria ganz und gar beansprucht, der weltverändernd sein wird – und er ergeht an einen einfachen Menschen.
... o erbarme dich der Sünder.
Die letzte Zeile ist ein Anruf, Maria möge denen Erbarmen zeigen, die nicht so frei und nicht so großherzig „Ja“ zum „Ave“ sagen, also uns allen, die wir immer wieder des Erbarmens bedürfen. Nicht nur Gottes Erbarmen brauchen wir – ständig fehlen wir anderen gegenüber. Sich das einzugestehen und um Verzeihung zu bitten, ist der erste Schritt zu einer tiefgreifenden Versöhnung. Sich mit Gott zu versöhnen, dafür steht die Einladung immer offen. Christusʼ ausgebreitete Arme am Kreuz sind eine offene Einladung an alle, die schwach und unzulänglich sind, sich ihm anzuvertrauen.
Maria, die in Betlehem den Erlöser der Welt geboren hat, steht 33 Jahre später unter diesem Kreuz. Ihn hat sie in ihren Armen gehalten, und wenn wir sie um Erbarmen bitten, tun wir das im Glauben daran, dass sie diese Bitte ihrem himmlischen Sohn vorträgt.
Autor:Matthias Wunder aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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