Jugend
Was ein weiser 100-Jähriger jungen Menschen rät
- Der Benediktinermönch und Weisheitslehrer David Steindl-Rast wird am 12. Juli 100 Jahre alt.
- Foto: Norbert Kopf, www.traumgaertner.at
- hochgeladen von Patricia Harant-Schagerl
Wenn du ein gerahmtes Bild an die Wand hängen willst, beginnst du nicht mit Bild, Nägeln und Hammer, sondern du beginnst damit, dir vorzustellen, wie am Ende alles aussehen soll, damit es dir gefällt. So willst du dir wohl auch zunächst klarmachen, was du am Ende erreichen willst. Du wünschst dir sicher ein gelungenes Leben, das heißt ein Leben, das Sinn hat.
Daher ist es wichtig, klar zu unterscheiden zwischen Sinn und Zweck. Um einen Zweck zu erreichen, musst du arbeiten. Sinn hingegen findest du in allem, was dir Freude macht. Deine erste Frage soll also wohl sein: Was freut mich wirklich so aus tiefstem Herzen? Was lässt mich so richtig lebendig werden?
Lass dich von Liebe leiten, nicht von Angst.
Wo du Freude, Staunen, Mitgefühl oder inneren Frieden spürst – dort berührt dich etwas vom tiefsten Grund des Lebens, also auch des Glaubenslebens. Unser Glaubensleben beginnt nicht im Kopf, sondern im Herzen und dreht sich nicht um Glaubenswahrheiten, sondern um immer wieder neu gewonnenes Lebensvertrauen. (...)
Lass dich von Liebe leiten, nicht von Angst. Religiöse Belehrungen können Angst machen: „Du sollst“, „Du musst“, „Du darfst nicht“. Was aber echte Glaubenswege von Irrwegen unterscheidet, ist Liebe – zu Gott, zu dir selbst und zu deiner ganzen Mitwelt und Umwelt. (...)
Die Stille suchen
Auch würde ich dir raten, Stille zu suchen und unbedingt stille Augenblicke in deinen Alltag einzubauen. In unserer ohrenbetäubend lauten Welt ist Stille etwas höchst Kostbares. Du brauchst sie, um deine innere Stimme zu hören und überhaupt erst zu erkennen, was deine Sehnsucht ist und die tiefste Freude, nach der du suchst. (...)
Wir können in jedem Augenblick des Lebens dankbar sein, denn das eigentliche Geschenk im Innersten jedes Geschenkes ist Gelegenheit und eine solche schenkt uns jeder Augenblick. Meist ist es die Gelegenheit, uns zu freuen. Aber auch unerwünschte Geschenke, für die wir als solche nicht dankbar sein können, bringen uns Gelegenheit – z . B . die Gelegenheit, Neues zu lernen – und dafür können wir dankbar sein. Diese Dankbarkeit aber ist der Schlüssel zur Lebensfreude. Es ist ja nicht Glück, das uns dankbar macht, sondern Dankbarkeit macht uns glücklich. (...)
Den Materialismus hinterfragen
Eine große Herausforderung wird deiner Denkkraft gestellt werden, ganz unabhängig davon, wie dein Leben sich gestaltet (...): Wir müssen den Materialismus hinterfragen. Der grundlegende Irrtum materialistischen Denkens ist zwar gar nicht so schwer zu durchschauen, wird aber von der vorherrschenden Gesellschaft nicht mehr hinterfragt. Er steht der Sinnfindung so sehr im Wege, dass er das Leben jedes Einzelnen sowie der Gesellschaft als Ganzes verkümmern lässt. (...)
Ein letzter Ratschlag: Suche Gemeinschaft, aber bleibe du selbst. Wahre Lebendigkeit besteht aus Beziehungen – zu dir selbst, zu Umwelt und Mitwelt und zum Großen Geheimnis des Seins. Junge Menschen sind heute vereinsamter, als sie es je waren. Unsere Gesellschaft huldigt dem Ich und vergisst das Wir. Traditionelle Formen der Gemeinschaft verschwinden deshalb. (...) Du wirst also in deinem Leben danach trachten wollen, dein Netzwerk zwischenmenschlicher Beziehungen lebendig und kräftig zu erhalten – eingebettet in die allumfassende Beziehung zu deinem Ur-Du. Dadurch stehst du immer im Licht der Letzten Wirklichkeit und bleibst – mit oder ohne Worte – in ständiger Verbindung mit dem Großen Geheimnis.
David Steindl-Rast in: Worauf es letztlich ankommt, von David Steindl-Rast und Mario Quintana, 100 Fragen – 100 Antworten, Tyrolia Verlag 2026, E-Book (Epub), Preis € 19,99.
Autor:Patricia Harant-Schagerl aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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