25. Sonntag im Jahreskreis | 20.09.2020
Meditation

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“, fragt die Königin in Grimms Märchen „Schneewittchen“ ihren Spiegel. Einige Zeit geht das auch gut, und er gibt ihr die Antwort, die sie hören will: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land.“
Aber eines Tages spricht er jene unliebsame Wahrheit aus, die die Königin partout niemals hören wollte: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.“ Da wird die Königin vom Neid gepackt, und ihre dunkelste Seite kommt zum Vorschein: Sie will Schneewittchen tot sehen. Doch was sie auch versucht – ihre Pläne gehen nicht auf, und sie wird nur noch verbitterter.
„Erzähl doch keine Märchen“, klingt es in mir. Ein Ausspruch, der sich auf den geringen Wahrheitsgehalt von Märchen bezieht. Doch was ist Wahrheit? Das Märchen von Schneewittchen beschreibt mit dem Stilmittel der fantastischen Übertreibung eindrücklich, was Eitelkeit, Neid und Eifersucht mit einem Menschen machen. Nicht umsonst sagt der Volksmund: „Neid macht hässlich.“
In der Tradition der katholischen Kirche findet sich der Neid unter den sogenannten sieben Todsünden. So überholt und altbacken das Wort „Todsünde“ klingt, so real sind die zerstörerischen Kräfte, die dahinter stehen.
„Sind wir denn nie schön genug?“, singt Lina Maly. Und vor meinem inneren Auge entsteht ein Bild: Ich stehe vor dem Spiegel, vergleiche mich, finde nichts an mir selbst schön oder gut genug … und was kommt dabei heraus? Ich fühle mich unglücklich, wertlos, ungeliebt und allein. Ich habe mich von mir selbst entfernt, bin den Menschen in meiner Umgebung entfremdet und auch ganz weit weg von Gott.
Doch Gott sieht etwas anderes im Spiegel als ich. Denn „Gott sah, dass es gut war“ (Gen 1,10). Gott sieht mich mit Liebe an – ich selbst nur durch die von Neid und Konkurrenzdenken verschleierte Brille.
Hoffnung gibt es immer: Zufriedenheit und Selbstliebe sind Übungssache. Mich selbst auch mal gut sein lassen – das kann ich jeden Tag neu üben. Und wenn ich gerade beim Üben bin, könnte ich auch gleich üben, meinen Nächsten zu lieben. Wie mich selbst.

Katharina Grager

Den Spiegel am Bild finden Sie in der Steiermärkischen Landesbibliothek im märchenhaften Ambiente der von der Künstlerin Luise Kloos mitgestalteten Ausstellung „Es war einmal … Märchen und Märchensammlungen im Lauf der Jahrhunderte“.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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