2. Adventsonntag | 07.12.2025
Meditation

Foto: AaronChen/iStock

Am Zug

Mit Zügen ist es so eine Sache. Im Schach getätigt, können sie dem und der Spielenden den Sieg bringen, gleichsam wie eine Niederlage. Abhängig machen kann schon der erste Zug an einer Rauschmittel-Zigarette. Hingegen gern gesehen sind Menschen, die im Alltag anderen gegenüber so manch feinen Zug an den Tag legen.

In meinem Fall wird das Wort „Zug“ so gut wie immer mit dem öffentlichen Transportmittel in Verbindung gebracht. Denn Züge, die sich auf Gleisen über Eisenbahnschwellen hinweg bewegen, befördern mich seit vielen Jahren. Sie bringen mich von Hier nach Dort, stressen mich manchmal, geben dem Leben aber auch Richtung und Struktur. Sobald ichs mir in einem Polstersitz in einer tausend Tonnen schweren Bahn gemütlich gemacht habe, beginnt mein Wochenende. Am Sonntagabend wird umgekehrt im Zug die Arbeitswoche eingeläutet.
Meine Reisen auf Schiene starten in Kürze in eine neue Ära. Denn mit 14. Dezember werden Züge durch den Koralmtunnel brausen können. Dafür wurden neue Bahntrassen errichtet, Fahrpläne anders getaktet oder Zuggarnituren angeschafft. Endlich: Mein Warten hat ein Ende. Bereits seit 28 Jahren baumelt der Koralmtunnel wie die sprichwörtliche Karotte vor meiner Nase. „Jetzt wirds bald schneller gehen!“, habe ich drei Jahrzehnte lang, begleitet von Schulterklopfen, gehört. Ich hab gelächelt und gewartet.

„Vom Dunkel ins Licht“, sagte Kollege Florian, als er mich zur baldigen Zeitersparnis von zwei Stunden mittels Koralmbahn beglückwünschte. Auch, wenn er damit auf den 33.000 Meter langen Tunnel anspielte, den der Zug durchfahren wird – ich denke dabei an Advent. Das Warten erlebe ich auch heuer wieder als Vorfreude. Adventkranz, Roraten oder ein Beisammensitzen im Kerzenschein stimmen ein auf die Erlösung in Form des menschgewordenen Erlösers. Oft prägt Warten auch mein Leben: Warten aufs Urlaubsgeld, auf einen Arzttermin oder auf den nächsten, besseren Tag. Während ich warte, mache ich aber nicht nichts. Ich esse, arbeite, gehe schlafen, genieße das Nichtstun – und: Ich bin bereit. Und ist die Zeit dann da, bin ich am Zug.

Anna Maria Steiner

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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