75 Jahre SONNTAGSBLATT
Ein Blatt, das dem Sonntag dient

„Keine Phrasen! – Wahrhaftigkeit und Unbestechlichkeit“ sollen die Kennzeichen des neuen Blattes sein, versprach man in der Erstausgabe am 16. September 1945.
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  • „Keine Phrasen! – Wahrhaftigkeit und Unbestechlichkeit“ sollen die Kennzeichen des neuen Blattes sein, versprach man in der Erstausgabe am 16. September 1945.
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SONNTAGSBLATT. Ein Porträt von Christian Theissl

CHRISTIAN TEISSL

SONNTAGSBLATT. Ein Porträt von Christian Teissl in drei Teilen, Teil I.

Wie ein berühmter steirischer Dichter sich sein eigenes Sonntagsblatt schuf.

Die ihr jetzt mein einfaches Sonntagsblatt zur Hand nehmt um Unterhaltung und Lehre darin zu finden, – ich kenne euch zwar nicht persönlich, – so vill aber glaube ich zu wissen, das ihr gute Christen, und dreue Österreicher seit, gut; – dies genügt mir auch, mehr verlange ich nicht zu wissen um euch als Freunde bezeichnen zu können.“
Mit diesen Zeilen in abenteuerlicher Orthographie wendet sich der 19-jährige Schneiderlehrling Peter Rosegger an sein imaginäres Publikum. Die Welt weiß zu diesem Zeitpunkt noch nichts von seinem dichterischen Talent; es blüht und entfaltet sich im Verborgenen.
Mit heller Begeisterung hatte der Bauernsohn all die populären Volkskalender, die damals im Umlauf waren und auf den Kirchweihfesten feilgeboten wurden, verschlungen; sie beflügelten seine Phantasie, regten ihn zur Nachahmung an, und so verfasst und illustriert er bald selbst einen Kalender, einen Kalender für Zeit und Ewigkeit, in dem er sich als religiöser Eiferer zu erkennen gibt, weiters ein Magazin Die fröhliche Stunde und schließlich, zwischen Jänner und März 1862, sein eigenes Sonntagsblatt.
Jede Ausgabe enthält Berichte und Geschichten aus der näheren Umgebung, eine Rubrik „Kleine Neuigkeiten“ und eine Chronik der jeweils abgelaufenen Woche. Rosegger vertraut seinem Sonntagsblatt nicht nur seine Nöte und Enttäuschungen, seine Freuden und Sorgen an, er findet darin auch Gelegenheit, über Sinn und Wert des Sonntags nachzudenken:
„Ein Ruhedag muß sein“, schreibt er in der Ausgabe vom 19. Jänner 1862. „So war es gewesen, und so bleibt es. Gott hatte die Erde erschaffen, sechs Tage war er damit beschäftiget, den siebenten sezte er zum Ruhetag ein, für Ihn und seine Geschöpfe. Aber der Sonntag ist nicht da, um zu ruhen, sondern villmehr zur Anbethung, und zur Verherrlichung unseres Gottes. – So wie die Sonne allen ibrigen Gestürnen hervor leichtet, so soll auch der Sonntag von allen ibrigen Wochentagen hervorglänzen.“

Ein Titel wird gesucht
Als ein Menschenalter später, im Sommer 1945 ein kleiner Freundeskreis junger engagierter Katholiken rund um Domvikar Anton Fastl darüber beriet, welchen Namen das neu zu gründende Blatt der Diözese erhalten solle, dachte wohl kaum jemand in diesem Kreis an Roseggers handgeschriebenes Sonntagsblatt. Verschiedene Vorschläge standen damals im Raum. Fastl spricht in einer Rückschau von einer „tagelangen köstlichen Debatte“. Sein Freund Hanns Koren, der sich an dieser Debatte beteiligte, gab kurz vor seinem Tod zu Protokoll, wie es schließlich zum Titel „Sonntagsblatt“ kam: „Spätsommer 1945. Wir standen nach dem Hochamt auf der breiten Stiege vor dem Mausoleum. Anton Fastl drängte: ‚Heute müssen wir über den Titel des neuen Blattes schlüssig werden.‘ Der Name soll der klaren, sinngebenden Nennung der Sache und dem Tag seines Erscheinens entsprechen. Daß mit herkömmlichen Namen, die in der guten alten Zeit üblich waren, nicht viel zu gewinnen ist, wußte man. ‚Vigili-Glöcklein‘ und ‚Genoveva-Stimme‘ fänden nicht nur bei jungen Menschen keine Freude mehr. Ein Blatt, das dem Sonntag dient, soll nach ihm heißen. Und daß es das Heimatland vor allem angeht, soll im Landesnamen ausgesprochen sein. Es war aus der Stimmung eines redlichen Herzens und aus dem gesunden Hausverstand eines Anton Fastl gekommen und beschlossen: ‚Sonntagsblatt für Steiermark.‘“

SONNTAGSBLATT. Ein Porträt in drei Teilen, Teil II.

Mehr als Information

Am vergangenen Sonntag ist zum erstenmal das ‚Sonntagsblatt für Steiermark‘ in Graz erschienen“, berichtet die Neue Steirische Zeitung in ihrer Ausgabe vom 22. September 1945. „Das vierseitige Wochenblatt, das vom fb. Ordinariat herausgegeben wird, bringt den Katholiken des Landes Nachrichten über das kirchliche Leben im Lande und in der Welt. […]“
Allerdings: Ein reines Nachrichtenmedium, wie diese zeitgenössische Notiz vermuten lässt, war das Sonntagsblatt zu keiner Zeit. Es beschränkte sich nie darauf, seine Leserschaft lediglich zu informieren, enthielt – und enthält bis heute – immer auch Texte zur Betrachtung und Besinnung, Anregungen und Impulse für das spirituelle Leben des einzelnen und der Gemeinden. Rubriken wie die Mutworte, die Positionen oder Bibel und Leben sind aus dem heutigen Erscheinungsbild des Blattes nicht wegzudenken, und schon in der ersten Nummer findet sich, neben kurzen Mitteilungen und Notizen, ein Gebet der Hl. Hildegard von Bingen und ein kurzer Auszug aus den „Vater unser“-Meditationen des deutschen Dichters Reinhold Schneider, dessen Texte während der NS-Zeit vielen Christen Kraft gegeben hatten, geistigen Widerstand zu leisten.
Schneiders poetische Losung „Allein der Wahrheit Stimme will ich sein!“, mit der er sich einem Regime der Lüge und der Menschenverachtung widersetzt hatte, klingt in dem Programm an, das Anton Fastl in der ersten Nummer formuliert: „Wahrhaftigkeit und Unbestechlichkeit sollen die Kennzeichen unseres Blattes sein. […] Das ist sein erstes und einziges Versprechen zum neuen Erscheinen.“

Die Leserschaft ergreift das Wort
Fastls Nachfolger, der heutige Schriftleiter Herbert Meßner betont im Gespräch die enge Bindung, die zwischen denen, die das Blatt gestalten, denen, die es austragen und denen, die es lesen, besteht. Von allem Anfang an war die Redaktion des Sonntagsblatts darauf bedacht, der Leserschaft Gehör zu verschaffen, ihr eine Plattform zu bieten, mit ihr in einen Dialog zu treten. Diesem Zweck dienten in der Aufbauphase die jährlichen Sommerpreisausschreiben. Dabei ging es nicht etwa darum, eine Rätselfrage zu lösen, unter mehreren zur Auswahl stehenden Antworten die einzig richtige zu erraten, sondern darum, seine Meinung kund zu tun. Als man beim ersten Sommerpreisausschreiben 1946 nach dem schönsten Kirchenlied fragte, bat man das Publikum, nicht einfach nur den Titel des Liedes zu nennen, sondern die persönliche Wahl auch zu begründen. Nach diesem Prinzip ging man bei allen weiteren Preisausschreiben vor; stets war ein Text einzusenden, in der Regel hundert Worte lang, nicht mehr. Das Echo war groß, der Zuspruch stark. Am dritten Preisausschreiben, 1948, beteiligten sich 1200 Menschen. „Das war ein Schreck und ein Fest in unserer Schriftleitung“, heißt es im abschließenden Bericht. „Ein Schreck: denn es ist keine Kleinigkeit, so viele Einsendungen zu studieren und zu vergleichen. Ein Fest, weil unsere Volksbefragung eine solch lebendige Anteilnahme hervorzurufen vermochte.“ Die Frage in jenem Sommer lautete: „Welches ist dein liebstes Gotteshaus?“ Die meisten Nennungen erhielt Mariatrost.
Weitere Fragen an die Leserschaft lauteten etwa: „Welche Heiligengestalt der christlichen Vergangenheit ist mir die liebste geworden?“, „Welches ist mein liebstes Gebet?“ oder „Welches Wort der Heiligen Schrift gab meinem Leben Wandlung, Halt und Kraft?“
Das Sommerpreisausschreiben 1955 stand ganz im Zeichen des zehnjährigen Jubiläums. Die Preisfrage lautete: „Was macht mir im Sonntagsblatt Freude?“. Das Ergebnis war bemerkenswert.
„Ehrlich gestanden“, heißt in einer der Einsendungen, „bin ich kein Freund von kirchlichen Zeitschriften, da diese meiner Meinung nach für den Alltagsmenschen zu religiös gehalten sind. Nicht so ist dies beim ‚Sonntagsblatt‘, das Probleme und Fragen aufwirft, die uns allen, auch dem modernen Menschen, etwas zu sagen haben.“

SONNTAGSBLATT. Ein Porträt von Christian Teissl in drei Teilen, Teil III
Mit leiser, aber beständiger Stimme

Probleme und Fragen aufzuwerfen – dies wurde mit den Jahren immer wichtiger, nahm immer größeren Raum im Sonntagsblatt ein.

Besonders in den Jahren nach dem Zweiten Vatikanum mehrten sich die Fragezeichen, wurde vieles hinterfragt, was bis dahin für selbstverständlich galt, wurden Bruchlinien sichtbar, brachen innerkirchliche Konflikte aus, herrschte enormer Diskussionsbedarf. Um dieser Situation Rechnung zu tragen, schuf das Sonntagsblatt Ende 1972 die Rubrik Frage der Woche, die volle dreizehn Jahre bestand und zwischen 1998 und 2008 als Gewissensfrage eine veränderte Neuauflage erlebte. Persönlichkeiten aus allen Bereichen der Diözese haben sich hier zu Wort gemeldet und zu zeitnahen wie zeitlosen Fragen Stellung bezogen, unter ihnen etwa Karl Amon und Rosl Illek, Philipp Harnoncourt und Martin Gutl, Bischof Egon Kapellari, damals noch Hochschulseelsorger in Graz, und die bedeutende steirische Dichterin Martha Wölger.
Der Katalog der Fragen ist lang und eindrucksvoll. Was ist Sünde? Ist Geduld eine Tugend? Wie mit dem Leid fertig werden? Muss der Mensch sein Leid allein tragen? Schützt christlich zu glauben vor der Verzweiflung? Was darf man sich von seiner Mutter erwarten? Was danken wir unseren Kindern? Was erwartet sich der heutige Christ vom Seelsorger? Was bedeutet der Glaube den älteren Menschen? Namenstag feiern oder Geburtstag? Was nimmt ein Christ mit in den Urlaub? Wohin fließen die Kirchenbeiträge? Welche Schwierigkeiten haben Gewerkschafter mit der Kirche? Was macht der Ökumene Freude? Was verbindet katholische und orthodoxe Christen? Was sagt uns der Rosenkranz über den Sinn des Lebens? Was tun in der Fastenzeit? Was feiern zu Ostern? Was schenken zur Firmung? Soll Fronleichnam nicht lieber abgeschafft werden? Was hat heute in der Marienverehrung Gewicht? Was ist ein Landespatron? Warum die Heiligen verehren? Gibt es Messformen für bestimmte Personengruppen? Wie die Messe mit Kindern feiern? Gott anbeten oder zu Gott beten? Warum trauen wir Gott so wenig zu? Was ist mit dem Heiligen Geist? Was ist zwischen mir und Jesus Christus?
Und noch vieles, vieles mehr...
„Wozu eine Kirchenzeitung?“ lautete die Frage der Woche in der Jubiläumsausgabe vom
14. September 1975. Die Antwort gab Bischof Johann Weber. Er sah die Aufgabe einer Zeitung wie dem Sonntagsblatt darin, mitzuhelfen, „dass Menschen verschiedenster Altersstufen, Berufsgruppen und Denkrichtungen in der Kirche ihre wirkliche Heimat erkennen“ und … „mit leiser, aber beständiger Stimme viele Menschen nachdenklich [zu] machen“.
Eine Aufgabe, heute dringlicher und aktueller denn je.

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„Keine Phrasen! – Wahrhaftigkeit und Unbestechlichkeit“ sollen die Kennzeichen des neuen Blattes sein, versprach man in der Erstausgabe am 16. September 1945.
Die Titelseite vom 18. September 1955 rief mit dem Symbol des angeschnittenen Brotlaibes zur Erntegabe auf.
Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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