Interview
Franziskus entdecken
- Gertraud Schaller-Pressler und Daniela Felber (v. l.) besuchten die Franziskus-Ausstellung im DomQuartier Salzburg.
- Foto: Weixler-Unterer
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Über die Strahlkraft des heiligen Franz von Assisi und seiner Bewegung bis heute – im Gespräch mit Kurator Reinhard Gratz vom Dommuseum Salzburg, das diesem besonderen Heiligen aktuell eine Ausstellung widmet.
Jede und jeder kann etwas an Franziskus für sich entdecken“, ist Reinhard Gratz, Kurator im Dommuseum Salzburg, überzeugt. Dieses zeigt aktuell die Ausstellung „LebensKunst. 800 Jahre Franz von Assisi“. Gertraud Schaller-Pressler und Daniela Felber von der Katholischen Stadtkirche Graz haben sich in die Koralmbahn gesetzt, um die Ausstellung zu besuchen und mit dem Kurator zu sprechen:
Was war Ihnen bei der Konzeption der Ausstellung wichtig – Franziskus ist ja ein Riesenthema!
Reinhard Gratz: 800 Jahre auszustellen ist sehr schwierig. Die Initiative ging vom Verein Franziskanische Forschung in Münster aus und das Dommuseum wurde über Vermittlung von Erzbischof Franz Lackner mit der Ausstellung betraut. Wir hatten die Chance, sehr viele Leihgaben aus franziskanischen Klöstern zu bekommen. Bernd Schmies und P. Benedikt Mertens haben viele Klöster aufgesucht und erhoben, was für die Ausstellung in Frage käme. Wir haben unterschiedlichste Objekte in der Ausstellung, so ziemlich alle Kunstgattungen, aber auch Alltagsgegenstände sind vertreten. Mir war davor vieles nicht bekannt.
Sind bei der Suche Überraschungen zu Tage gekommen?
Gratz: Eine Überraschung war die Wachsfigur „Hl. Franziskus in Ekstase“ aus dem Jahr 1721 von der Kongregation der Schwestern vom Göttlichen Erlöser in Wien. Eine Rarität, die noch nie ausgestellt war. Sie wurde vom steirischen Wachskünstler Johann Georg Sindler hergestellt, der 1713 nach Rom ging und dort Porträtmedaillons von Päpsten schuf. Über ihn ist sehr wenig bekannt. Ich würde mir wünschen, dass dadurch die Forschung auch etwas beflügelt wird, zum Beispiel in der Steiermark.
- Die Wachsfigur „Hl. Franziskus in Ekstase“ (1721) ist eine Rarität der Ausstellung.
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Warum hat Franziskus bis heute Strahlkraft?
Gratz: Er war sehr authentisch und hat Themen aufgegriffen, die für uns heute überaus aktuell sind: die Umwelt, die Mitwelt, die Sorge um Arme, Kranke und Ausgegrenzte. Ich glaube, da gibt es vieles, in dem sich die Menschen selbst erkennen können. Jeder kann etwas an Franziskus für sich entdecken. Deshalb war es uns auch wichtig, dass franziskanische Mitbrüder und -schwestern in der Ausstellung Präsenzdienst machen und zu ihrem Ordensleben befragt werden können. Sie zeigen am besten, dass diese franziskanische Bewegung nach wie vor vielseitig lebendig ist.
Was rücken Sie unter dem Titel „LebensKunst“ in den Blick?
Gratz: Wenn man das Wort „Lebenskunst“ von rückwärts liest, dann beschreibt es, dass die Kunst immer schon zum Leben der Franziskaner dazugehört hat. Sie hat von Anfang an den Werdegang und die Spiritualität des hl. Franz überliefert und vermittelt. Franz hat die Künstler sehr geschätzt. Und es finden sich in der Nachfolge bedeutende Franziskaner und Franziskanerinnen, auch in Kunst, Musik und Wissenschaft.
Franziskus war selbst poetisch und musisch begabt, besonders berühmt wurde sein Sonnengesang. Was weiß man darüber?
Gratz: Wir haben den drittältesten Codex aus dem Stift St. Florian in der Ausstellung, der den Text des Sonnengesangs überliefert, der älteste ist in Assisi. Von Franziskus selber gibt es jedoch keine Überlieferung, wie der Sonnengesang geklungen hat.
- Erzbischof Franz Lackner, der selbst Franziskaner ist, bei der Eröffnung der Ausstellung.
- Foto: DomQuartier Salzburg/Neumayr
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Wie hat die franziskanische Bewegung, die heute international bedeutend ist, begonnen?
Gratz: Franziskus haben sich Leute unterschiedlichen Standes angeschlossen, reiche und arme. Es war schon erstaunlich gewesen, wie er sein Leben auf den Kopf gestellt hat. Sein Charisma muss unwiderstehlich gewesen sein! Er muss auch eine unglaubliche Energie gehabt haben, er war irgendwie ein Getriebener. Und man wundert sich, dass ein normaler Sterblicher all das aushält – vor allem auch, wenn man an seine Missionsreisen nach Frankreich, Spanien, Ägypten denkt.
Wie kann man sich das Leben mit Franziskus vorstellen? Gab es auch dunkle Seiten?
Gratz: Er war natürlich ein Mensch und das Leben mit ihm war für die Mitbrüder wahrscheinlich nicht immer leicht. Es gibt in der Ausstellung eine Skulptur von P. Laurentius Englisch mit dem Titel „Franziskus versöhnt sich mit dem Schatten“. Diese Figur ist halb Franz, halb Wolf. Das heißt, man muss den eigenen Wolf in sich selbst besänftigen, damit man anderen Menschen in Frieden begegnen oder auch Frieden bringen kann. Jeder hat so einen Wolf in sich – oder fast jeder, es gibt vielleicht auch von Natur aus Sanftmütige. In der berühmten Geschichte vom Wolf von Gubbio spricht Franz den Wolf als Bruder an. Das würde heute wohl niemand machen.
Ich finde auch faszinierend, dass Franziskus, als es ihm schon ganz schlecht gegangen ist, im Sonnengesang die Schöpfung lobte. Dass er auch den Tod, der für uns eher negativ behaftet ist, als Bruder, im Italienischen als Schwester, angesprochen hat.
- Klara von Assisi auf einem spätgotischen Holztafelgemälde als Beschützerin der Klarissen.
- Foto: Schaller-Pressler
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Wie kommt die hl. Klara in der Ausstellung vor?
Gratz: Sie und ihr Erbe werden angesprochen. Wir zeigen ein spätgotisches Holztafelgemälde der hl. Klara als Beschützerin der Klarissen und eine Abschrift der Klarissenregel. Wobei es in Österreich nur zwei Klarissenklöster gibt: in Wien und im Burgenland. Die Klarissen leben im Unterschied zu den Franziskanern ja in strenger Klausur. Das ist von Anfang an so gewesen. Klara hat auch sehr asketisch gelebt.
Von der Vergangenheit in die Zukunft: Wenn man das Motto „Franziskus for future“ nennen würde, welche Eigenschaften wären für gegenwärtige und zukünftige Christinnen und Christen zu übernehmen, um in dieser Welt glaubwürdig zu sein?
Gratz: Das ist eine wichtige Frage! Die Franziskaner haben die Kunst der Bedürfnislosigkeit 800 Jahre lang gelebt. Ein bisserl weniger wäre oft mehr und zugunsten anderer auf Luxus zu verzichten, wünschenswert. Etwas von Franziskus umzusetzen würde der Welt, der Umwelt und auch dem seelischen Wohlbefinden guttun, weil es von gewissen Belastungen freimacht. Das Armutsgebot war ja nicht Selbstzweck für Franziskus. Es geht ums Teilen mit anderen Menschen, die sehr viel weniger haben. Achtsamer mit den Mitmenschen umzugehen und Maßhalten wäre empfehlenswert. Es geht freilich nicht immer, dass man sich strikt an Franziskus hält, er war schon auch ein Extremist. Er hat es geschafft, Christus nachzufolgen, und das heißt etwas.
Was spricht Sie persönlich bei Franziskus am meisten an?
Gratz: Dass er eigentlich alles so hingenommen hat, das Gottgegebene, die von Gott gegebene Schöpfung. Er hat sich gegen nichts gesträubt. Es war alles gut, wie es war. Das finde ich sehr bemerkenswert, alles so anzunehmen, wie es eben ist und das Beste daraus zu machen. Das ist irgendwie seine Lebenskunst gewesen.
Wir danken für das Gespräch!
Das Interview führten Gertraud Schaller-Pressler
und Daniela Felber von der Stadtkirche Graz.
Ausstellung
Die Ausstellung „LebensKunst. 800 Jahre Franz von Assisi“ im Dommuseum im DomQuartier Salzburg ist zu sehen bis Montag, 2. November 2026.
Öffnungszeiten: Im August täglich von 10 bis 17 Uhr (ab September dienstags geschlossen). Residenzplatz 1, Salzburg.
Anreisetipp: Mit der Koralmbahn reisen Sie in weniger als vier Stunden bequem von Graz nach Salzburg.
Gewinnspiel
Die Katholische Stadtkirche Graz verlost
5 x 2 Tickets für einen Tageseintritt im DomQuartier Salzburg inkl. der Ausstellung „LebensKunst. 800 Jahre Franz von Assisi“. Um am Gewinnspiel teilzunehmen, senden Sie bis 10. August (Poststempel) Ihre Antwort auf die Frage „Wer ist Franz von Assisi für mich?“ an SONNTAGSBLATT,
Bischofplatz 4, 8010 Graz oder per E-Mail an
redaktion@sonntagsblatt.at
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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