Gelebte Demokratie | Teil 3
Zeit für den Perspektivenwechsel
- Perspektivenwechsel. Im von der Abteilung für Integration der Stadt Graz geförderten Projekt arbeiten die ReferentInnen mit Kindern und Jugendlichen, um die Gesellschaft gewaltfreier zu machen. Das Projekt erhielt den Steiermärkischen Toleranzpreis.
- Foto: Sudy
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
Stell dir vor, du hast deine Heimat verlassen müssen, weil dort Krieg tobt. Wie geht es dir jetzt, nach der Flucht in ein anderes Land, in einer neuen Schule und mit KlassenkollegInnen, deren Sprache du kaum verstehst? Ein anderer Gedankengang: Deine Schulklasse plant eine Englandreise. Bei der Vorbesprechung verhältst du dich ruhig, weil du weißt, dass deine Eltern den Sprachaufenthalt nicht finanzieren können und du dich dafür schämst. Was fühlst du, und: Wohin mit deiner Trauer oder Wut?
Fragen wie diese stellen die MitarbeiterInnen der ARGE Jugend – Fachstelle für Gewaltprävention in ihren Workshops oft. Nicht, weil sie Kindern und Jugendlichen in Schulen oder Jugendzentren die Probleme und Negativszenarien des Lebens schildern wollen. Nein, das Konzept dahinter ist ein anderes: das des mitfühlenden Verstehens.
Der Gedanke, sich in die Situation eines Anderen hineinzudenken, liegt auch dem Projekt Perspektivenwechsel zugrunde. Wer empathisch ist mit anderen und deren Lage versteht, wird nicht gewalttätig gegen sie werden – so die Idee, die Früchte trägt. Denn bereits seit 30 Jahren arbeitet die ARGE erfolgreich mit Jugendlichen in Graz daran, Gewalt zu beenden oder erst gar nicht aufkommen zu lassen. Besonders belastend seien Themen unter Jugendlichen wie Rassismus oder Mobbing, weiß Dominik Knes, Geschäftsführer der überparteilichen steirischen Fachstelle für Gewaltprävention und Menschenrechtsbildung. Auf die Bitte, ein Beispiel aus der Praxis zu schildern, erzählt der Sozialpädagoge von einem Mobbing-Vorfall an einer Grazer Schule.
Hilfe bei Mobbing und Rassismus
Mobbing – also das wiederholte Schikanieren, Ausgrenzen, Beleidigen, Bedrohen oder Demütigen einer Person über einen längeren Zeitraum – gibt es an Schulen leider schon lange. Doch die Digitalisierung habe die Situation verstärkt, sagt Dominik Knes. „Früher hat Mobbing nach der Schule, wenn das betroffene Kind zuhause war, aufgehört. Heute wird nach dem Unterricht weitergemobbt – und zwar in den Sozialen Netzwerken“, sagt er und erzählt von einer Schülerin, deren KI-verändertes Bild sie nackt gezeigt habe. „Das Foto tauchte im Klassenchat auf, und sie wurde erpresst. Man würde es erst entfernen, wenn sie die geforderte Summe Geld bereitstellt.“ In Fällen wie diesem kommt die ARGE Jugend – Fachstelle für Gewaltprävention zu Hilfe. Drei bis fünf Einsätze pro Tag führen die ReferentInnen der Fachstelle durch.
Neben systematischem Schikanieren sei mitunter auch Rassismus unter Jugendlichen ausgeprägt. Zutage treten würde er nicht lediglich als Ablehnung einer „ausländischen“ Kultur. Auch innerhalb migrantischer Communities selbst sei er verbreitet – etwa, wenn Zugehörige einer migrantischen Gruppe diejenigen aus einer anderen abwerten würden.
Grundpfeiler der Demokratie
Ein Sprichwort der Ureinwohner Amerikas besagt: „Gehe hundert Schritte in den Schuhen eines anderen, wenn du ihn verstehen willst.“ Genau hier setzt Perspektivenwechsel an. „Indem junge Erwachsene lernen, sich in von Gewalt betroffene Gleichaltrige hineinzuversetzen, lernen sie Toleranz“, sagt Dominik Knes. Und diese sei ein wichtiger Grundpfeiler für Demokratie. „Wenn bei Gewaltprävention und Demokratiearbeit gespart wird, fällt das letztendlich auf uns als Gesellschaft zurück“, sagt er mit Blick auf Fördergeber und Politik.
Dass die Jury des Steirischen Toleranzpreises den Wert von Perspektivenwechsel erkannt und prämiert hat, freut ihn und sein Team sehr. Mit dem Preisgeld von 25.000 Euro könne das Gewaltpräventionsprojekt nun auch auf Schulen außerhalb von Graz ausgeweitet werden. „Das fördert letztendlich die Demokratie im Land“, so Knes. Und mit ihr eine Gesellschaft, deren Mitglieder auch imstande sind, „in den Schuhen“ ihrer Mitmenschen zu gehen.
Anna Maria Steiner
Steiermärkischer Toleranzpreis
Das Projekt Perspektivenwechsel der ARGE Jugend – Fachstelle für Gewaltprävention erhält den Hauptpreis des Steiermärkischen Toleranzpreises. Prämiert werden Initiativen, die gesellschaftlichen Zusammenhalt, Menschenwürde und Demokratie stärken. Am 13. November 2026 wird die Auszeichnung in der Aula der Karl-Franzens-Universität Graz erstmals vergeben.
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.