Burundi
Im offenen Herzen Afrikas
- Im Hochland Ostafrikas. Einfache Häuser liegen an der Straße, die nach Tansania führt. Da der Binnenstaat keine Eisenbahn besitzt, ist der Straßenverkehr für Personenverkehr und Handel wichtig. Von Burundis Straßennetz ist nur etwa 14 Prozent asphaltiert; die meisten Fahrbahnen sind unbefestigt und bestehen aus Eisenoxid-haltigem, orangem Sand.
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Burundi. Das kleine Land zeigt bis heute Spuren einer leidvollen Geschichte – aber auch Fröhlichkeit und Farbenpracht. Ein Reisebericht in zwei Teilen.
Welche Fotos will ich zeigen, über welche Begegnungen berichten? Nach einer Rückkehr aus dem Ausland drängt sich diese Frage auf. Nach meinem Urlaub in Burundi denke ich viel darüber nach, welches Bild ich anderen vermitteln möchte, die von diesem Land im Osten Afrikas noch nie etwas gehört haben.
„Grüne Natur und rote Erde – bewohnt von Menschen, die gastfreundlich sind und positiv“, könnte ich sagen. Oder: „Ja, arm sind schon sehr viele Menschen in Burundi, aber zugleich sehr gläubig.“ Und auch diese Aussage würde den Binnenstaat beschreiben: „Burundi ist ein vom jahrelangen Krieg zerstörtes Land – korrupt und nah am wirtschaftlichen Kollaps.“
Der Einfachheit halber – und auch, weil ich lieber positive Dinge ins Licht rücke als das Leid – bediene ich mich eines Bildes, das die BurundierInnen selbst gern verwenden: das eines Herzens. Auf einer Landkarte betrachtet, sieht Burundi tatsächlich so aus. Nein, kein verkitschtes, rosa Abziehbild mit zwei symmetrischen Bäckchen. Die Form des Landes erinnert an ein „echtes“, anatomisch geformtes Herz. Ein Herz, das im Körper eines jeden Menschen schlägt und ihn am Leben hält.
- Bunt. Frauen aus der Volksgruppe der Batwa („Pygmäen“) machen Pause von der Feldarbeit und tanzen mit einer Schwester vom Orden Neues Leben für Versöhnung.
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Großes, kleines Herz
In dieses Herz im Herzen Afrikas bin ich Anfang Oktober also gereist. Erst mit dem Zug von Graz nach Wien, dann vom Flughafen dort in gut sechs Stunden nach Addis Abeba. Äthiopiens Hauptstadt liegt auf fast 2400 Meter und hat mir während meines fünfstündigen Wartens auf den Anschlussflug Kurzatmigkeit und Kopfschmerzen bereitet. Nach knapp drei Stunden erneuter Flugzeit lande ich in Bujumbura. Die Stadt, in der knapp eine Million Menschen lebt, liegt am Tanganjika-See, der nach dem Bajkal-See in Südsibirien das zweitgrößte Südwasserreservoir der Erde ist. Tropische Hitze schlägt mir hier entgegen. Schweißtriefend und gehüllt in eine Wolke Antimückenspray hoffe ich, dass die Malaria übertragenden Insekten vor mir Reißaus nehmen.
Weil im Nachbarland Kongo seit Mai schon fast 4000 Menschen an Ebola gestorben sind, wird bei der Einreise in Burundi Fieber gemessen und ein elektronischer Akt angelegt. Die Gesundheitskontrolle am Flughafen wirkt halbherzig; ich fülle dennoch das Online-Formular aus, bezahle das Visum und schnappe meine beiden Koffer vom Haufen an Gepäcksstücken, die in der Ankunftshalle liegen. Als ich zum ersten Mal nach Stunden jemanden meinen Namen rufen höre, atme ich erleichtert auf.
- Grün und fruchtbar ist Burundi. Für seine 14 Mio. EinwohnerInnen bietet das Land, das nur so groß ist wie die Steiermark und Kärnten zusammen, dennoch zu wenig Nahrung.
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Kloster auf grünen Bergen
Schwester Godelive Miburo holt mich ab – gemeinsam mit der Deutsch-kundigen Schwester Irene, die zwei Jahre im Tiroler Zams verbracht hat. Die beiden Frauen gehören dem Orden Neues Leben für Versöhnung an, den Simon Ntamwana gegründet hat. Der heute 80-jährige Erzbischof von Gitega verlor 60 Familienmitglieder im Bruderkrieg zwischen Hutu und Tutsi, drei Mordanschläge hat er überlebt. Im Geländewagen fahren wir über die Höhenstraße nach Gitega. Die alte Königsstadt liegt auf 1500 Meter Seehöhe, den Weg dorthin säumen Palmenplantagen und die Lehmhäuser der TagelöhnerInnen. Umgerechnet einen Euro verdienen sie an einem Arbeitstag – bei Treibstoffpreisen von 80 Cent pro Liter Benzin ist das ein karger Sold.
Im Kloster angekommen, werde ich von den Schwestern großherzig empfangen – sie singen, tanzen und führen mich in ein kleines, sauberes Zimmer. Später, nach einem königlichen Mahl aus frittierten Kochbananen, Reis, Avocados, Fisch und Mandarinen, falle ich ins Bett – in einen tiefen, traumlosen Schlaf. „Ich bin wirklich in Burundi“, denke ich beim Aufwachen am nächsten Tag.
Deutsche Vergangenheit
Noch vor dem Frühstück holt mich der Alltag ein. Wie ohne Fließwasser duschen, aufs Klo gehen oder Zähne putzen?, frage ich mich. Schnell lerne ich, zwischen Trinkwasser, sauberem und Schmutz-Wasser zu unterscheiden, spüle den Mund mit dem Inhalt einer gekauften Wasserflasche und das WC mit dem Rest aus meiner Waschschüssel. Auch im Kloster bleiben die Wasserhähne trocken und ich verstehe, warum ständig schwere Kanister geschleppt werden. Warum das im 21. Jh. immer noch „Frauen-Arbeit“ ist, kann mir aber niemand sagen.
- Bildung. Schon im Kindergarten wird gelernt, doch längst nicht jedes Kind hat Zugang.
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Der Mangel an sauberem Wasser ist nicht Burundis einziges Problem. JedeR dritte Erwachsene kann nicht ausreichend schreiben und lesen. Gemessen am Pro-Kopf-Einkommen gilt der Staat nach dem Südsudan und Jemen als drittärmstes Land der Welt.
Im 16. Jahrhundert gründeten die zuvor in das Gebiet eingewanderten Tutsi das Königreich Burundi, Ende des 19. Jahrhunderts unterwarf das Deutsche Reich das Land und machte es zum Teil seiner Kolonie Deutsch-Ostafrika. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Burundi zusammen mit Ruanda belgisches Mandatsgebiet, 1962 unabhängig. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Hutu und Tutsi fanden 1972 einen grausamen Höhepunkt. Dem Bürgerkrieg zwischen 1993 und 2005 fielen 300.000 Menschen zum Opfer, 1,5 Mio. mussten fliehen. Auf meiner Reise erlebe ich aber auch, dass Hilfe ankommt – hier, im kleinen Herzen Afrikas ...
Anna M. Steiner
Fortsetzung folgt.
Burundi
im Osten Afrikas grenzt an Ruanda, Tansania und die Demokratische Republik Kongo. Neben der Hauptstadt Gitega gilt das am Tanganjikasee gelegene Bujumbura als wirtschaftliches Zentrum. Von Burundis 14 Mio. EinwohnerInnen sind 93 % christlich, Amtssprachen sind Kirundi und Französisch. Burundi ist eine präsidentielle Republik; der amtierende Präsident Évariste Ndayishimiye ist Staatsoberhaupt und zugleich Regierungschef und verfügt über weitreichende politische Befugnisse.
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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