Mein Kraftort_10: Südtirol
Nachdenken über das Miteinander

In der Stille den Heiligen nachspüren, von denen sich viele auf den Weg gemacht haben, um den Menschen Gutes zu tun
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Auf einem Waldhügel bei Tils oberhalb von Brixen liegt etwas versteckt das Kirchlein St. Cyrill.

MARTINA RAINER

Der Ort strahlt wohltuende Ruhe aus. Doch schon allein der rund einstündige Weg bis zu diesem besonderen Ort ist das Ziel: Er führt über den Europa-Besinnungsweg. Dieser ist dem christlichen Europa und auch 24 Heiligen gewidmet, die sich für ein geeintes und friedliches Europa eingesetzt haben.

Uns umfängt die Ruhe des Waldes.
Das hektische Treiben der Brixner Innenstadt und der Verkehrslärm der Autobahn, die wir gerade auf einer Brücke überquert haben, liegen hinter uns. Umso wundersamer erscheint die plötzliche Stille – einzig unterbrochen vom Klopfen eines Spechtes und von vereinzeltem Vogelgezwitscher. Zu unserer rechten Seite liegt der prächtige renovierte „Thalhofer“ des Südtiroler Kinderdorfes, ein alter Küchenmeierhof, in dem zu früheren Zeiten dem bischöflichen Haushalt zugearbeitet wurde. Bischofsstab und Mitra – im Dachgebälk dargestellt – geben heute noch Zeugnis davon ab. Unter uns liegt Brixen, in fast gerader Linie der Brixner Dom. „Der heilige Kassian auf der Vorhalle des Domes streckt segnend die Hand aus und zeigt geradeaus durch das Sonnentor in unsere Richtung bis hinauf zur Kirche“, erklärt Walter Kircher. Der Dombezirk und St. Cyrill sind, wie der geprüfte Wander- und Kulturführer sagt, durch eine Kraftlinie miteinander verbunden. Die Energie der beiden Kraftplätze und der sie verbindenden Linie ist auch von einem Rutengänger erfasst worden. Dieser war nicht irgendwer, sondern der frühere Weihbischof Heinrich Forer.

Ein erster Bildstock kennzeichnet den Beginn des Besinnungsweges. Er zeigt ein Bronzerelief der Schutzmantelmadonna sowie die Europafahne mit den Umrissen des Kontinents im Hintergrund. Der Bildstock wurde erst nach der Einweihung des Weges errichtet, nachdem das Fehlen von Maria unter den dargestellten Heiligen mehrfach bemängelt worden war. Weitere sieben Stationen umfasst der Weg, der 1993 auf Initiative des vor einigen Jahren verstorbenen Brixner Dekans Leo Munter errichtet wurde. 85 Freiwillige haben rund 1550 Stunden daran gearbeitet. Insgesamt 24 Heilige aus 18 Ländern begleiten die Wanderer auf dem Weg nach St. Cyrill. Alle Heiligen haben europäische Bedeutung. „Das geeinte Europa ist das unglaubliche Geschenk der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wir haben wohl noch nicht richtig erkannt, wie sehr wir für dieses Geschenk dankbar sein können. Was Europa jetzt braucht, sind Europäer. Menschen, die zwar ihre angestammte Heimat lieben, aber in diesem gemeinsamen Haus Europa zusammenfinden und daran weiterbauen wollen. Da sind auch wir Christen gefragt“, schreibt Leo Munter im Vorwort des 2011 erschienenen Wegführers. Zurzeit sind diese Gedanken aktueller denn je.

Der Wald hat etwas Mystisches an sich.
Durch die Baumwipfel ziehen die Nebelschwaden. Nach dem wohltuenden Regen der vergangenen Tage ist die Luft klar, das Grün der ausgedehnten Moosteppiche erscheint noch kräftiger.
„Caritas“ steht auf der Innenwand des Bildstockes, den wir nach einer kurzen Steigung erreichen. Nach den sechs Europa-Patronen, den Themen Evangelisierung, Gerechtigkeit und Frieden sowie Bewahrung der Schöpfung ist dies die sechste Station. Aus drei verschiedenen Zeiten stammen die Heiligen, die hier verehrt werden: Martin aus dem 4., Elisabeth aus dem 13. und Maximilian Kolbe aus dem 20. Jahrhundert. Alle drei verbindet ihr Einsatz für die Notleidenden, allen drei gilt das Bibelzitat „Das habt ihr mir getan“.
Jede Station auf dem Weg ist durch drei Merkmale gekennzeichnet: den Leitgedanken in lateinischer Sprache, die Darstellung der Heiligen mit der Fahne ihrer Herkunftsländer und ein Bibelzitat in der jeweiligen Landessprache. Kurz bevor das Ziel – die Kirche St. Cyrill – erreicht ist, hält Walter Kircher inne und richtet den Blick zu den gen Himmel strebenden Baumwipfeln: „Es ist, als würden wir uns unter einem Kirchengewölbe befinden.“ An der linken Seite erhebt sich ein Hügel. Die Umrisse von St. Cyrill und dessen graues Schindeldach sind zu erkennen. Nach wenigen Minuten stehen wir vor der Westfassade mit der Eingangstür. Weihbischof Forer hat den Cyrillushügel als einen „Ort der Kraft“ bezeichnet. Diese Kraft hat auch uns auf dem Besinnungsweg begleitet.

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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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