Serie zur Sozialenzyklika "Fratelli tutti" | Teil 09
Geschwisterlich begegnen

Für eine bessere Welt zusammenwirken wollen Papst Franziskus und Großimam Ahmad Al-Tayyib (hier ein Archivbild von einem gemeinsamen Treffen in Abu Dhabi).
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  • Für eine bessere Welt zusammenwirken wollen Papst Franziskus und Großimam Ahmad Al-Tayyib (hier ein Archivbild von einem gemeinsamen Treffen in Abu Dhabi).
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Im achten Kapitel der Enzyklika von Papst Franziskus geht es um den Dienst der Religionen für die Welt.

Vor ein paar Jahren wurde ein kleines Büchlein mit einem Appell des Dalai Lama an die Welt unter dem Titel „Ethik ist wichtiger als Religion“ im Buchhandel und in Trafiken angeboten. Angesichts der Gewalt, die im Namen von Religion verbreitet wird, angesichts von religiösem Terror, der im Namen welches Gottes auch immer ausgeübt wird, ruft der Führer des tibetischen Buddhismus nach einer neuen säkularen Ethik „jenseits aller Religionen“.
Auch der Papst sieht den Missbrauch von Religion für Gewalt, er prangert Kriege im Namen von Religion an, aber er sieht nicht in der Abwendung von Religion – damit meint er nicht nur die christliche – die Lösung, sondern vielmehr in der Wiedergewinnung des ursprünglichen Sinnes von Religion, nämlich eine Verankerung der transzendenten Würde des Menschen in Gott zu finden. Er gibt seiner Überzeugung Ausdruck, „dass es für unsere Gesellschaften gut ist, wenn wir Gott in ihnen gegenwärtig machen.“ Dann fährt er fort: „Solange wir die aufrichtige Gottsuche nicht mit unseren ideologischen oder zweckmäßigen Interessen verdunkeln, hilft sie dabei, uns alle als Weggefährten zu begreifen, wirklich als Brüder und Schwestern.“ (274)

Abgrenzende oder einbeziehende Religion?

Ohne diesen Willen zur aufrichtigen Gottsuche wird Religion in Beschränkung der Geschwisterlichkeit auf eine Gruppe, eine Gesellschaft oder eine Religion in den Kampf gegen andere münden. Dies geschieht besonders dann, wenn man Gott nicht als das Ziel begreift, sondern ihn als ein Mittel einsetzt, wenn man sich nicht zu ihm wendet, sondern ihn als ein Mittel verwendet, um abgrenzende Haltungen und gewalttätige Aktionen gegen andere zu rechtfertigen. Wenn Religion durchlässig macht auf Gott hin, dann führt sie Menschen zusammen, weil sie ein gemeinsames Ziel haben, die Wege zu diesem Ziel mögen verschiedene sein.
Dabei betont der Papst, dass die Kirche „das Handeln Gottes in anderen Religionen“ (277) schätzt. In diesem Zusammenhang greift der Papst den gemeinsamen Aufruf anlässlich seines Treffens mit Großimam Ahmad Al-Tayyib auf, in der Identifikation mit den Geringsten zusammenzuwirken für eine bessere Welt. Als Beispiel für ein solches Hineinversetzen in die Geringsten und Verlassenen führt der Papst Charles de Foucauld an, der den Wunsch äußerte, „sich als Bruder eines jeden Menschen empfinden zu können“ (287), um so seine Ganzhingabe an Gott zu zeigen.

Vater Gott, Bruder Christus
Religion steht in der Ausrichtung auf Gott in einem Zusammenhang, der die Würde des Menschen, und zwar aller Menschen grundlegt. Franziskus betont, dass Vernunft die Gleichheit der Menschen begründen kann – obwohl sie sich auch damit manchmal schwer tut –, nicht aber die Geschwisterlichkeit, die weit über vernünftiges Kalkül hinausgeht. Wir alle sind Geschwister, weil wir die Kinder des einen Vaters sind. Und das ist ja auch das Geheimnis von Weihnachten: In Jesus Christus ist einer unser aller Bruder geworden, er ist in diese unsere gemeinsame Welt gekommen, damit wir uns alle geschwisterlich begegnen. Eine Basis für eine bessere Welt!

Aus der Enzyklika zitiert

272
Als Gläubige sind wir davon überzeugt, dass es ohne eine Offenheit gegenüber dem Vater aller keine soliden und beständigen Gründe für den Aufruf zur Geschwisterlichkeit geben kann. Wir sind überzeugt: „Nur mit diesem Bewusstsein von Kindern, die keine Waisen sind, können wir untereinander in Frieden leben.“ Denn „die Vernunft für sich allein ist imstande, die Gleichheit unter den Menschen zu begreifen und ein bürgerliches Zusammenleben herzustellen, aber es gelingt ihr nicht, Brüderlichkeit zu schaffen“.

276
Aus diesen Gründen respektiert die Kirche zwar die Autonomie der Politik, beschränkt aber ihre eigene Mission nicht auf den privaten Bereich. Im Gegenteil, sie kann und darf beim Aufbau einer besseren Welt nicht abseits stehen, noch darf sie es versäumen, „die seelischen Kräfte [zu] wecken“, die das ganze Leben der Gesellschaft bereichern können.

277
Aber wir Christen wissen: „… Wenn die Musik des Evangeliums in unseren Häusern, in der Öffentlichkeit, an unseren Arbeitsplätzen, in der Politik und der Wirtschaft nicht mehr zu hören ist, dann haben wir wohl die Melodie abgeschaltet, die uns herausfordert, für die Würde jedes Mannes und jeder Frau ungeachtet ihrer Herkunft zu kämpfen“ … Für uns liegt die Quelle der Menschenwürde und Geschwisterlichkeit im Evangelium Jesu Christi.

Der Grazer Sozialethiker Dr. Leopold Neuhold analysiert für das Sonntagsblatt die Grundlinien der soeben erschienenen Sozialenzyklika von Papst Franziskus.

Für eine bessere Welt zusammenwirken wollen Papst Franziskus und Großimam Ahmad Al-Tayyib (hier ein Archivbild von einem gemeinsamen Treffen in Abu Dhabi).
Der Grazer Sozialethiker Dr. Leopold Neuhold analysiert für das Sonntagsblatt die Grundlinien der soeben erschienenen Sozialenzyklika von Papst Franziskus.
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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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