Weltanschauungsarbeit heute | 23
Fundamentalismus
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
Vom „richtigen“ Glauben und Leben.
Zu den bereichernden Seiten meiner Arbeit als Weltanschauungsreferent gehört, mich mit dem zu beschäftigen, was Menschen im Glauben wichtig ist, was ihnen Halt gibt und Orientierung bietet. Je nachdem, welchen Stellenwert der Glaube im je eigenen Leben einnimmt, bemühen sich Menschen, nach den religiösen Lehren und Vorschriften zu leben und ihren Alltag entsprechend zu gestalten. Wie man den Glauben dabei „richtig“ lebt, wird unterschiedlich beurteilt und hängt stark vom eigenen Blickwinkel ab. Mit einem eher „liberalen“ Blick kommt man zu anderen Ergebnissen, als mit einem eher „konservativen“.
Grundlage unseres christlichen Glaubens sind die Heilige Schrift und die Lehre der katholischen Kirche. In einem lebenslangen Prozess der Aneignung dieser Grundlagen wird daraus unser persönlicher Glaube. Für eher „konservativ“ eingestellte Christinnen und Christen steht dabei das wortgetreue Festhalten an biblischen Vorgaben und kirchlichen Lehren im Vordergrund. Eher „liberal“ geprägte Gläubige hingegen versuchen, die Lehren der Bibel und der Kirche kontextbezogen ins Heute zu übertragen und aktuelle gesellschaftliche, kirchliche und theologische Entwicklungen in ihre Überlegungen miteinzubeziehen.
In einer Zeit, die geprägt ist von dauernden gesellschaftlichen, weltpolitischen und wirtschaftlichen Veränderungen, und in der vieles, was früher als selbstverständlich angesehen wurde, in Frage gestellt wird, bleibt Glaube so und so eine Herausforderung. Während „konservative“ wie „liberale“ Gläubige versuchen, ihren Glauben in und mit der Gesellschaft zu leben, gehen fundamentalistische Strömungen andere Wege.
Fundamentalisten flüchten in die scheinbare Sicherheit von fix vorgegebenen Lebensformen und Lehraussagen, die auf angeblich absoluten Fundamenten ruhen. Dabei wird der Entwicklungsstand von Theologie und Gesellschaft eines bestimmten Punktes der Geschichte herausgegriffen und als Idealbild vorgestellt. Es wird versucht, die damals gültige „gute Ordnung“ der jeweiligen Religion und Gesellschaft im Heute wiederherzustellen. Das zu Glaubende wird dabei oft auf einzelne ausgewählte Positionen „verkürzt“, von denen aus – vermeintlich – endgültige Antworten auf alle Lebensfragen gegeben werden können.
Der Fundamentalismus kann als Gegenbewegung zur modernen Kultur, die die Freiheit und Mündigkeit des Menschen betont, verstanden werden.
Fundamentalistische Einstellungen entstehen oft aus Unsicherheit und Angst. Menschen suchen nach eindeutigen Werten und Glaubenssätzen, die ihnen Sicherheit versprechen. Diese finden sie in charismatischen Vertrauenspersonen, Privatoffenbarungen oder rigiden Vorschriften und Gruppendynamiken. Der Preis ist, dass anders Glaubende dadurch abgewertet und vom Heil ausgeschlossen werden. Aber: Es gibt nicht nur den einen Weg, der zu Gott führt.
Johannes Sinabell
MEIN BEITRAG
- Johannes Sinabell
- Foto: Henning Klingen
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
Johannes Sinabell ist Theologe und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Weltanschauungsfragen.
Wie lebt man den christlichen Glauben „ganz“ richtig?
Ich meine, das weiß niemand. Papst Benedikt XVI. sagte einmal: „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt.“ Und Gott beurteilt nach eigenen Maßstäben, die niemand benennen kann. Daher muss ich keine Angst haben, etwas falsch zu machen. Die Bibel berichtet von Personen, die Fehler machen. Gott verstößt solche Personen nicht. Man denke nur an Petrus, der Jesus dreimal verleugnet hat.
Sind fundamentalistisch eingestellte Personen Extremisten?
Nein! Zu Extremisten werden sie erst, wenn sie bereit sind, zur Durchsetzung ihrer eigenen religiösen oder weltanschaulichen Vorstellungen, Gewalt anzuwenden. Eine Haltung, die dazu führt, dass Menschen unter Druck gesetzt, verletzt oder gar getötet werden, um die eigenen religiösen Vorstellungen durchzusetzen, ist klar zurückzuweisen und Sünde.
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.