Serie zur Sozialenzyklika | Teil 03
Ein Fremder auf dem Weg

„Wer ist mein Nächster?“ Dies ist eine notwendige, aber gefährliche Frage, denn zu leicht beinhaltet sie die Frage danach, wer der Übernächste ist, um den ich mich nicht zu kümmern brauche.
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  • „Wer ist mein Nächster?“ Dies ist eine notwendige, aber gefährliche Frage, denn zu leicht beinhaltet sie die Frage danach, wer der Übernächste ist, um den ich mich nicht zu kümmern brauche.
  • Foto: aus: Mit Gott unterwegs. Regine Schindler, Stepan Zavrel
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Im zweiten Kapitel der Enzyklika zeigt Papst Franziskus auf, dass Fremdheit mit Geschwisterlichkeit überwunden werden kann.

Fremdheit ist trotz der digitalen Kommunikationsmittel ein herausforderndes Merkmal unserer Zeit. Wir glauben, mit den Kontaktmöglichkeiten unsere Verantwortung abwehren und bei uns selbst bleiben zu können. Der Papst spricht mit der harschen Antwort des Kain „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ die auf sich begrenzende Haltung an. Dem stellt er den barmherzigen Samariter gegenüber, ein Beispiel dafür, wie Fremdheit durch Begegnung in Geschwisterlichkeit überwunden werden kann.

Franziskus liest das Beispiel des barmherzigen Samariters in die heutige Zeit hinein, auch indem er sie unter die vieldeutige Überschrift „Ein Fremder auf dem Weg“ stellt. Wer ist denn der Fremde, der Überfallene, der achtlos vorübergehende Priester oder Levit, der Samariter? Und er zeigt auf, dass die an vielen Stellen gegebene Fremdheit im Zugang über die Geschwisterlichkeit überwunden werden kann. In der im Evangelium positiv formulierten Goldenen Regel „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen“ sieht der Papst einen ersten Anstoß auf diese Geschwisterlichkeit hin, im Setzen des ersten Schrittes im Blick auf das, was der Nächste braucht. Dafür muss ich aber aus mir herausgehen.

Drei Fragen
Diese Dynamik des Herausgehens zeigt sich in den drei diese Erzählung des Samariters strukturierenden Fragen. Die Ausgangsfrage des Schriftgelehrten: „Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?“, die religiöse Frage, wird mit dem Gebot, Gott und den Nächsten zu lieben, beantwortet. Dies provoziert die ethische Frage, die vielleicht im vorschnellen Glauben, zu wissen, wer Gott ist, auf den Nächsten zielt: „Und wer ist mein Nächster?“ Dies ist eine notwendige, aber gefährliche Frage, denn zu leicht beinhaltet sie die Frage danach, wer der Übernächste ist, um den ich mich nicht zu kümmern brauche. Die Antwort wird mit dem barmherzigen Samariter gegeben, nun aber in der Änderung des Blickwinkels durch Jesus: „Wer von diesen dreien, meinst du, ist dem der Nächste geworden, der unter die Räuber fiel?“ Die Überwindung der Fremdheit erfolgt also dadurch, dass ich mich als Nächster erweise.

Nicht der Funktion den Vorzug geben
Der Papst geht auf die Hürden ein, die sich dieser Begegnung als Nächster in den Weg stellen: etwa, dass wir in der Konzentration auf unsere Bedürfnisse glauben, keine Zeit zu haben, wenn er vom Samariter sagt: „Vor allem hat er ihm etwas gegeben, mit dem wir in der hektischen Zeit sehr knausern: Er hat ihm seine Zeit geschenkt.“ (63) Angesichts dieser Zuwendung des Samariters zum Überfallenen werden alle Unterscheidungen nach Religion oder Funktion, Volksgenosse oder Ausländer unbedeutend. Fremdheit kann nur dadurch, dass ich mich als Nächster erweise, überwunden werden. Am Beispiel der vorbeigehenden religiösen Funktionäre zeigt sich nämlich auch, dass es gefährlich ist, seiner Funktion so den Vorzug zu geben, dass man das Herabneigen „zur Entfremdung des Fremden“ versäumt. Die Frage nach dem Erlangen ewigen Lebens kann also nur dadurch beantwortet werden, dass ich mich als Nächster erweise.

Aus der Enzyklika Zitiert

64. Mit wem identifizierst du dich? Diese Frage ist hart, direkt und entscheidend … Sagen wir es so, wir sind in vieler Hinsicht gewachsen, doch wir sind Analphabeten, wenn es darum geht, die Gebrechlichsten und Schwächsten unserer entwickelten Gesellschaften zu begleiten, zu pflegen und zu unterstützen. Wir haben uns angewöhnt wegzuschauen, vorbeizugehen, die Situationen zu ignorieren, solange uns diese nicht direkt betreffen.

81. Es geht darum, der hilfsbedürftigen Person beizustehen, ohne darauf zu schauen, ob sie zu meinen Kreisen gehört. Im genannten Fall ist es der Samariter, der dem verletzten Juden der Nächste geworden ist. Um sich ihm zu nähern und bei ihm zu sein, hat er alle kulturellen und geschichtlichen Schranken überwunden. Die Folgerung Jesu ist eine Aufforderung: „Dann geh, und handle du genauso!“ (Lk 10,37). … Ich sage also nicht mehr, dass ich „Nächste“ habe, denen ich helfen muss, sondern dass ich mich gerufen fühle, den anderen ein Nächster zu werden.

86. … Daher ist es wichtig, dass die Katechese und die Predigt auf direktere und klarere Weise … die Überzeugung der unveräußerlichen Würde jedes Menschen und die Beweggründe, um alle zu lieben und anzunehmen, einbezieht.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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