APROPOS Jesus | 60 Fragen - 60 Antworten
3. Wie war zur Zeit Jesu die religiöse Situation im „Heiligen Land“?

Der strenge jüdische Monotheismus, der Glaube an den einen und einzigen Gott, unterscheidet Juden und Jüdinnen vom bunten Götterkult ihrer heidnischen Umgebung. Er findet aber auch bei nichtjüdischen Menschen durchaus Interesse und Sympathie. Jüdische Schriftgelehrte – sie können verschiedenen religiösen Parteien angehören – erklären dem einfachen Volk die Lehren Moses und der Propheten.

Ganz wichtig ist der Sabbat (Samstag), der jüdische Ruhetag! An ihm treffen sich vor allem Männer in den Synagogen (Bet- und Lehrhäuser), um den Willen Gottes aus den heiligen Schriften zu erfahren und in Gemeinschaft zu beten. Viele Beschäftigungen (z. B. das Entzünden eines Feuers, ein über 1000 Meter langer Fußmarsch, eine nicht lebensnotwendige Heilbehandlung usw.) gelten als Entweihung des Ruhegebotes und sind daher am Sabbat verboten. Darauf achtet besonders die Partei der Pharisäer (hebräisch peruschim, „die Abgesonderten“, oder paroshim, „die genau Unterscheidenden“). Als religiöse Erneuerungsbewegung – ihr gehören auch viele Schriftgelehrte an – bemühen sie sich um genaue Befolgung aller schriftlich und mündlich überlieferten Tora-Gebote. Obwohl Laien, halten sie sich auch an jene Reinheits- und Speisegebote, die für die Priester im Tempeldienst vorgesehen sind. So wollen sie den Alltag heiligen und die endgültige Erlösung Israels vorbereiten. Die Lebensweise der „Heiden“ gilt ihnen als „unrein“. Wird man direkt davon berührt (z. B. am Markt), ist eine rituelle Waschung nötig, um wieder „rein“ zu sein. Tief sitzt in vielen der Hass auf die Römer und die „Zöllner“ (Zollpächter), die für die Regierenden die Steuern eintreiben. Das Steuerzahlen ist für viele auch ein religiöses Problem. Denn eigentlich – so ihr Glaube – gehört das Land doch Gott selbst und nicht den Römern und ihren Vasallen.

Radikale Gruppen, die Zeloten (griechisch zelotés, „Eiferer“), organisieren blutige Anschläge auf Besatzer und Kollaborateure. Anders ticken die Jerusalemer Oberschicht und der Priesteradel im Tempel: Sie sind um gute Beziehungen zur Weltmacht Rom bemüht. Viele von ihnen gehören zur religiösen Partei der Sadduzäer (ihr Name könnte „Gerechte“ bedeuten oder sich von Zadok, dem Priester von König David, herleiten). Sadduzäer halten sich streng an die fünf Bücher Mose, aber die Prophetenbücher und andere religiöse Schriften, die wir aus dem Alten Testament kennen, sind für sie nicht verbindlich. Im Unterschied zu den Pharisäern glauben sie weder an Engel noch daran, dass die Toten auferstehen werden (vgl. Apg 23,8). Ihre Religiosität ist diesseitsorientiert und der Tempelkult ihr Hauptinteresse. Dagegen protestieren religiöse Gruppen, die in klosterähnlichen Gemeinschaften am Toten Meer leben (vgl. die Schriften aus Qumran). Auch die sogenannten Esséner distanzieren sich vom Tempelkult in Jerusalem und folgen ihrer eigenen Auslegung der jüdischen Tradition. Heiden und Samariter dürfen den Tempel gar nicht betreten. Letztere wohnen in Samária, einem Gebiet zwischen Galiläa im Norden und Judäa im Süden. Sie haben ihre eigene Tora-Niederschrift und sind in den Augen jüdischer Schriftgelehrter Abtrünnige. Ihr Name ist ein Schimpfwort und der Umgang mit ihnen unerwünscht.

In dieser religiös und politisch angespannten Zeit warten viele auf einen rettenden Messias, wobei die Vorstellungen darüber, wie ein solcher sein soll, nicht einheitlich sind. Jesus von Nazaret gehört keiner der oben genannten Religionsparteien an. Er hört aber die aufrüttelnden Predigten eines gewissen Johannes, der das Volk aufruft, sich Gott zuzuwenden, ein Leben der Nächstenliebe zu führen und sich als Zeichen der Bekehrung im Jordan taufen zu lassen. Viele kommen und lassen sich taufen. Auch Jesus tut das, erlebt und lebt aber dann seine eigene Berufung. Er nennt Gott in ungewohnter Vertrautheit seinen lieben Vater und ist gewiss, dass etwas Neues anbricht. Die Hoffnung, die er verkörpert, wird schon bald die Grenzen seines Landes und seiner Zeit sprengen.

Karl Veitschegger

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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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