70 Jahre Sonntagsblatt | Teil 04
1976 bis 1985

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Ein Netzwerk der Begegnung

Das Evangelium muss neu eingepflanzt werden“, schrieb Bischof Johann Weber in dem am 24. Mai 1981 im Sonntagsblatt abgedruckten Hirtenbrief, mit dem er zum sechsten Katholikentag der Diözese Graz-Seckau einlud. Er verstand ihn als Auftakt zu einem „Jahrzehnt des Evangeliums“. Es sollte keine Machtdemonstration und keine große Werbeaktion für die Kirche sein, sondern ein „Katholikentag in der Wahrheit“, ein „Fest des Herzens“, geprägt von einer vierjährigen Zeit der Vorbereitung, in der aufmerksam und ehrlich auf die Wirklichkeit der Menschen im Land hingeschaut wurde.

Dr. Josef Wilhelm, er war Generalsekretär des Organisationsteams, erinnert sich, dass Bischof Weber im Sommer 1977 aus dem Urlaub mit der Idee zu einem „Katholikentag neuer Art“ heimgekommen sei: „Es war eine spontane und geniale Idee des Bischofs, herausgewachsen aus dem ‚Humusboden‘ des gewachsenen Willens zu einem neuen Miteinander in der steirischen katholischen Kirche, nach den Konflikten aus den 68er-Jahren.“ Möglichst viele Menschen des Landes – auch über die Grenzen der Kirche hinaus – sollten sich angesprochen fühlen und eingebunden werden. Das „Gespräch über den Zaun“ wurde zum Leitwort eines Prozesses, der den Charakter der Veranstaltung zutiefst prägte. Man habe den Kontakt mit jenen gesucht, die mit der Kirche nichts mehr zu tun hatten, und vermittelnde Initiativen geschaffen, „damit sich Menschen verschiedener Parteirichtungen an einen Tisch setzen, um gemeinsame Sorgen zu bedenken“.

Mit diesem innovativen Glaubensfest wurde ein völlig neuer Stil kirchlicher Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung gefunden. „Viele große Plätze, herrliche Innenhöfe der Altstadt, der Stadtpark, Kirchen und Museen sowie viele verschiedene Räumlichkeiten für die Forumsveranstaltungen sorgten für ein vielschichtiges Netzwerk von Feiern, Begegnungen und Diskussion“, erzählt Wilhelm. In 14 Forumsdiskussionen habe sich das Thema der Brüderlichkeit in einzelne Lebensbereiche hinein konkretisiert, ein buntes Stadtfest bot Programmpunkte für Kinder, Jugendliche, Familien und Senior(inn)en.

Eingefasst wurde das Fest durch eine Auftaktveranstaltung Freitag Abend auf dem Grazer Hauptplatz und einen großen Festgottesdienst mit 80.000 Mitfeiernden am Sonntag im Stadtpark. Erstere wurde zur „großen Wasserprobe“ – so war es im Sonntagsblatt vom 5. Juli 1981 zu lesen. Trotz strömenden Regens kamen und blieben die Menschen. Ein imponierendes Bild war für Generalsekretär Wilhelm, „wie der kalte und nasse Platz von 378 Kerzen erleuchtet wurde“. Fast jede steirische Pfarre brachte eine selbstgestaltete Kerze als „Symbol der Zusammengehörigkeit der ganzen Diözese“. Eindruck hinterließ auch die Festrede des brasilianischen Bischofs José Ivo Lorscheiter (in Auszügen rechts), die bis heute nichts an Aktualität eingebüßt hat.

Bei „Herrgottswetter“ konnte dafür die Festmesse gefeiert werden, der „absolute Höhepunkt“ dieser Festtage: „Noch nie hatten sich so viele Gläubige in Graz an einem Ort versammelt.“ Das 20 Meter hohe Holzkreuz im Stadtpark erinnert bis heute als das „sichtbarste Zeichen des Katholikentages“ an dieses Ereignis. Darüber hinaus sei das Selbstbewusstsein der Diözese sehr gestärkt worden, ist Wilhelm, der spätere Direktor des Akademischen Gymnasiums, heute überzeugt: „Mit dem Zweiten Vatikanum kam es zwar zu einer Aufbruchsstimmung, die jedoch von Krisenphänomenen wie Studentenrevolutionen, Priesteraustritten und innerkirchlichen Unruhen begleitet war.“ Bischof Weber sei es durch intensive Bemühungen gelungen, Frieden zu stiften. Eine Frucht davon sei dieser Katholikentag gewesen, bei dem sich „die Kirche selbstbewusst, in einer offenen Form und in einer großen Buntheit zeigte“. Auch auf den gesamtösterreichischen Katholikentag zwei Jahre später in Wien mit dem ersten Österreichbesuch von Papst Johannes Paul II. färbte dieser Geist spürbar ab.

Für mich selbst, der ich als Vierzehnjähriger den Katholikentag miterlebte, war das Fest ein Schlüsselereignis in meiner kirchlichen Sozialisation. Erstmals habe ich Kirche über die Dimension der Pfarre hinaus als eine große und vielfältige Gemeinschaft von Menschen erlebt, die die Freude am Glauben miteinander teilen und einander offen und wohlwollend begegnen. Ich war stolz, ein Teil davon zu sein und darin beheimatet zu sein. Das Logo dieses Katholikentags, zwei kleine, einander zugeneigte Herzen, die gemeinsam ein größeres bilden, drückt diesen Geist wunderbar aus.

Alfred Jokesch

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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