Vor den Vorhang
Mein Buch, ein Freund fürs Leben
- (Bilder-)Bücher wirken stressmindernd und fördern Empathie- und Konzentrationsvermögen. Deshalb richten sich Projekte zur Leseförderung (siehe Kasten) bereits an Kinder ab 6 Monaten. Zum „Buchstart“ gibt’s das erste Buchgeschenk in einer Buchstart-Tasche in der Bibliothek.
- Foto: Stadtbibliothek Graz
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Zum Welttag des Buches, 23. April. Michaela Haller über Pfarrbibliotheken, Leseförderung und warum Bücher stets in Mode sind.
Michaela Haller ist Geschäftsführerin des Lesezentrums Steiermark, Service- und Koordinationsstelle für Bibliotheken in der Steiermark, und Stv. Vorsitzende des Österreichischen Bibliothekswerks.
Frau Haller, Hand aufs Herz: Wie stehen aktuell die Chancen für Bücher, überhaupt noch gelesen zu werden?
Dr.in Michaela Haller: Ich will gar nicht von „Chancen“ reden. Zahlen belegen, dass das Buch klar eine Daseinsberechtigung hat, über die nicht diskutiert werden muss. Pro Jahr erscheinen mehr als zwei Mio. Bücher – in gedruckter Form, als Hörbuch oder als E-Book am Bildschirm. Als die ersten digitalen Bücher herausgekommen sind, wurde viel Weltuntergangsstimmung verbreitet. Ein solches Untergangsszenario hat sich für das Buch Gott sei Dank nicht bewahrheitet.
Aber heißt das auch, dass viel gelesen wird?
Haller: Faktum ist: Die Menschen können sich heutzutage schwerer konzentrieren. Warum? Weil vieles viel zu schnell geht. Vor allem Jugendliche sind kurze Inhalte gewohnt – ganz wie in den Sozialen Netzwerken wie etwa TikTok. Lange Texte im Detail zu lesen, fällt vielen schwer. Aber der Befund, dass die Leute immer weniger lesen, stimmt nicht – ganz im Gegenteil. Wir müssen nämlich immer mehr lesen – weil wir von viel mehr Schrift umgeben sind und unsere Gesellschaft immer mehr Lesekenntnisse verlangt. Im Umkehrschluss heißt das: Wer nicht gut lesen kann, ist benachteiligt. Deshalb sind Bibliotheken in der außerschulischen Leseförderung auch zentral.
Als Kind habe ich gern die Bücherei unserer Pfarre besucht. Spielen Pfarrbibliotheken im Bibliothekswesen Österreichs eine Rolle?
Haller: Ja, sie sind ein sehr wichtiges Standbein des Bibliothekswesens. Aus den Pfarrbibliotheken haben sich viele der über 180 steirischen öffentlichen Bibliotheken herausentwickelt. In der Steiermark gab es dazu im Vorjahr sogar einige 70-Jahr-Jubiläen. In vielen Pfarren wurden ab den 1950er-Jahren nämlich Räume zur Verfügung gestellt, wo Ehrenamtliche einen Buchbestand aufbauen konnten. Viele dieser Pfarrbibliotheken sind jetzt in geteilter Trägerschaft, das heißt: Pfarre und Gemeinde verpflichten sich gemeinsam, die Bibliothek zu betreiben.
Es geht darum, der Bevölkerung ein qualitativ hochwertiges Angebot von Bildung zu ermöglichen. Die einstige Trennung zwischen Pfarr- und Gemeindebibliothek ist in der Steiermark längst aufgehoben, und wir vom Lesezentrum Steiermark sind als Fachstelle für alle öffentlichen steirischen Bibliotheken zuständig. Neben dem Land Steiermark als Hauptfördergeber stellt uns auch die Diözese Graz-Seckau Mittel zur Verfügung.
Wer als Kind sinnerfassend lesen lernt, wird ein besser informierter Erwachsener.
Die Kirche fördert öffentliche Bibliotheken?
Haller: Ja – hier ist vor allem das Österreichische Bibliothekswerk zu nennen – eine von zwei Vereinigungen, die bundesweit agieren. Das Bibliothekswerk wurde 1947 als „Österreichisches Borromäuswerk“ in Salzburg gegründet und wird von der Österreichischen Bischofskonferenz sowie vom Bund finanziert. Es wird von etwa 1340 Mitgliedsbibliotheken getragen und sieht sich als Forum für katholische Bibliotheken – aber nicht nur: Mitglied kann jede Bibliothek sein. Ziele sind die Weiterbildung der rund 7000 BibliothekarInnen sowie die Förderung von Lese- und Literaturvermittlung. Viermal im Jahr erscheint die Zeitschrift Bibliotheksnachrichten, kurz: BN. Sie ist für das Bibliothekswesen wichtig, weil darin viele Rezensionen zu finden sind. Diese Buchbesprechungen sind für BibliothekarInnen oft Grundlage beim Erwerb neuer Bücher. Das Bibliothekswerk organisiert einmal im Jahr auch eine große Weiterbildung – heuer in Puchberg bei Wels, zum Thema Lese-Frühförderung für Kinder ab sechs Monaten.
Wie kann man sich das vorstellen? Kleinkinder können ja noch gar nicht lesen …
Haller: (lacht) In der Lese-Frühförderung geht es vor allem um die Förderung der Lesefreude. Und damit kann man nicht früh genug beginnen.
Ist fürs Lesen nicht die Schule zuständig?
Haller: Dort wird die Lesefertigkeit vermittelt. Voraussetzung dafür ist aber die Lesefreude. Und die „Rutsche“ dafür muss schon weitaus früher gelegt werden, am besten in der Familie. Ein Kind muss beim Schuleintritt zwar noch nicht lesen können, aber es sollte Interesse daran mitbringen. Deshalb gibt es auch das Projekt „Buchstart“ (s. Kasten). Diese „Bookstart“-Idee hat das Österreichische Bibliothekswerk vor 15 Jahren von Großbritannien nach Österreich gebracht.
Auch das Lesezentrum Steiermark fördert einen guten Start ins Leben mit Büchern ...
Haller: Unsere Literaturvermittlungs-Formate sind vielfältig. Wenn etwa unsere
Lesepädagogin in einer Bibliothek zu Gast ist, steht im Zentrum immer ein Buch. Es wird aber nicht nur vorgelesen – die zuhörenden Kinder sind auch selbst aktiv: Sie malen das Gehörte, spielen die Inhalte nach oder sehen die Szenen auf einer kleinen Theaterbühne, genannt „Kamishibai“, was so viel heißt wie Papiertheater. Während dem Vorlesen werden auf Papier gemalte Szenen in einen Holzrahmen geschoben. Diese Technik haben buddhistische Wandermönche in Japan schon ab dem 10. Jahrhundert zur Vermittlung religiöser Inhalte angewendet, auch bei Erwachsenen. Bei dieser Form des Erzähltheaters wird das Publikum aktiv miteinbezogen, die Bilder regen zusätzlich die Fantasie an.
Das klingt ja wie „Fernsehen ohne Strom“... Warum ist Lesen eigentlich so wichtig?
Haller: Vorlesen und Vorgelesen zu bekommen, schafft Beziehung. Kinder, die lesen, sowie Kinder, denen vorgelesen wird, haben einen deutlich größeren Sprachschatz und lernen, sich auf eine Sache zu konzentrieren, und: Wer als Kind sinnerfassend lesen lernt, wird ein gebildeter, besser informierter Erwachsener sein. Deshalb wollen wir so viele Kinder wie nur möglich von klein auf mitnehmen auf die spannende Reise des Lesens.
Was lesen Sie denn so?
Haller: ... am liebsten querbeet (lacht). Auch, wenn E-Book-Reader, also elektronische Lesegeräte, handlich sind und praktisch, weil man die Schrift vergrößern kann, mag ich am liebsten Bücher aus Papier. Über die Seiten zu streichen und dank eines Lesebändchens zu sehen, wie viel Text man schon „zurückgelegt“ hat, ist einfach toll. Am schönsten am Lesen finde ich, dass ich in meinem Kopf selbst eine Welt erschaffen kann – durch meine Fantasie und durch den Inhalt des Buches, das ich gerade lese.
Interview: Anna Maria Steiner
Projekte zur Leseförderung
Lesezentrum Steiermark:
www.lesezentrum.at
Lies-was-Wochen: 23. April – 15. Mai
Steirischer Vorlesetag: 13. Juni 2026
Buchstart Steiermark (ganzjährig)
Infos zu den Projekten
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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