Positionen - Karl Veitschegger
Nächstenliebe ohne Pferd

Das biblische Wort „Almosen“ (von griechisch eleēmosýnē – Gabe der Barmherzigkeit) hat keinen guten Ruf mehr. Es ist zu einer Karikatur von Wohltätigkeit verkommen, im Sinne von: Ich gebe etwas her, was ich nicht mehr brauche oder leicht verschmerzen kann, und die Armen sollen sich gefälligst darüber freuen und dafür dankbar sein. Man spürt den Hauch von Hochnäsigkeit und Verachtung. Oder: Ich gebe schnell etwas her, um mein Gewissen zu beruhigen. Das kann zwar einem Armen durchaus helfen, aber es ist nicht das, was die Heilige Schrift mit „Almosen“ meint.

Die Bibel versteht darunter eine Gabe der Liebe als Antwort auf die Not eines Mitmenschen, die mein Herz trifft. Ich gebe dabei nicht nur etwas her, sondern wende mich jemandem zu. „Barmherzigkeit“ ist nichts Gönnerhaftes von oben herab, sondern eine Bewegung von Herz zu Herz – auf Augenhöhe!

Der heilige Martin, der einst mit einem Frierenden seinen Mantel geteilt hat, wurde auf den ältesten Bildern ohne Pferd dargestellt, also auf gleicher Höhe mit dem Frierenden! Erst später stellte man ihn hoch zu Ross dar, auf den Bettler herabblickend. Nächstenliebe im biblischen Sinn bedeutet immer, vom hohen Ross zu steigen. So hat es wohl der „echte“ hl. Martin getan, der am 11. November seinen Gedenktag hat. Das sollte man auch bei Martinsfeiern beachten.

Ich habe einen Spruch entdeckt, den ich gerne weitergebe: „Man sollte nur dann auf einen Menschen hinabschauen, wenn er am Boden liegt und man ihm die Hand reicht, um ihm aufzuhelfen.“ In diesem Sinn einen schönen Martinstag allen Kindern und Erwachsenen!

Karl Veitschegger

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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