Positionen - Karl Veitschegger
Gott inkognito
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Eine ältere Dame betritt das Studio der TV-Sendung „Bares für Rares“ mit einem wunderschönen Ring. Diesen Ring, erzählt sie, habe ihre Tante in den 30er-Jahren von ihrem Geliebten erhalten. Der Mann war verheiratet und Jude. Unter dem Nazi-Regime drohte ihm und seiner Familie grausame Vernichtung. Die Geliebte versuchte, dem Geliebten und seiner Familie über einen bekannten SS-Mann zur Flucht zu verhelfen. Der SS-Mann war dazu bereit, verlangte aber als Gegenleistung, dass sie ihm sexuell zu Willen sei. Die Frau nahm das Schreckliche auf sich — und rettete Leben. Die den Nazi-Mördern Entkommenen bauten sich in Australien eine neue Existenz auf. Mit ihrer Retterin blieben sie, solange diese lebte, brieflich verbunden.
Eine Geschichte, die mich tief berührt. Der Moralist in meinem Kopf verstummt angesichts solcher Schicksale. In all dem Grauenhaften und Düsteren spüre ich etwas Helles. Ist es die Kraft der Liebe? Wenig später höre ich Papst Leo predigen: „Wie ein Licht in der Finsternis lässt sich der Herr dort finden, wo wir ihn nicht erwarten: Er ist der Heilige unter Sündern; er will unter uns sein.“
Ich glaube: Gott ist oft inkognito am Werk. Auch in den Verwirrungen unserer Zeit?
Karl Veitschegger
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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