Mutworte - Ruth Zenkert
Goldene Hände
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Aly ist genial. Als Kind lebte er auf den Straßen Bukarests, immer schon liebte er Musik. Im Kaufhaus setzte er sich ans Klavier und spielte. Bei uns übte er an der Orgel. Wir fragten ihn, ob er in der Musikschule mitarbeiten wolle. Auch wenn er sich schwertat mit Notenlesen, spielte er alles mit, was er hörte. Er war mit uns unterwegs zu Konzerten in halb Europa. Alles war gut.
Manchmal brachten Volontärinnen sein Herz in Wallung. Wenn sie dann zurück in ihre Heimat fuhren, meinte er, er müsse mit. Aber die Liebe wurde schnell durch eine nächste ersetzt. Eines Tages stand er vor mir – es war wieder so weit. Dieses Mal kämpfte ich nicht um ihn. Er wollte nach London. Doch er schaffte es nur bis nach Sibiu, 25 km von uns entfernt. Dort übernachtete er bei –15 Grad im Auto. Sollte ich ihn zurückholen? Ich musste mich zurückhalten. Aly wusste, dass unser Tor jederzeit für ihn offen steht.
Inzwischen ist er in Berlin. Aly, der goldene Hände hat, aber nur für die Tasten, schlägt sich als Arbeiter auf Baustellen und Pizza-Bote durch. Wie tief muss er fallen, bis er zurückkommt – oder seinen Weg findet? Doch die viel schwierigere Frage: Warum ist es uns nicht gelungen, ihn zu halten? Was fehlte ihm?
Ruth Zenkert ist Leiterin des Sozialprojektes ELIJAH in Rumänien. Aus: elijah.at/bimail
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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