Mutworte - Ruth Zenkert
Essen als Trost
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Je näher wir dem Haus von Anca kamen, desto mulmiger wurde mir. Die Familie kam nicht aus dem Elend: Anca mit ihren Kindern, Enkeln und den zwei Männern, die sie zugleich geheiratet hatte. Der Hof voll Müll, das Haus eine Ruine. Heute ging ich hin, weil Ovidiu, ihr achtzehnjähriger Sohn, gestorben war. Als Bub hatte er bei uns gelebt, dann wollte er mit seinem Pferd bei den Bauern Geld verdienen. Sein krankes Herz hielt nicht mehr.
Doch als ich den Hof betrat, war alles aufgeräumt. Freunde standen schweigend im Zimmer beim aufgebahrten Ovidiu, daneben der Vater. Kerzen brannten. Wir beteten ein Vaterunser. Frauen brachten Kuchen, Saft, Schnaps, gaben auch dem Toten etwas mit. Draußen boten schwarzgekleidete Frauen Cola und Brot an und hielten Totenwache.
Wo sie sonst fast nichts hatten, brachten sie zur Ehre von Ovidiu mit Hilfe der Nachbarschaft alles auf. Gott allein konnte die Familie halten, die ihren Sohn so plötzlich verloren hatte. Sein über alles geliebtes Pferd zog im Regen den Wagen mit dem Leichnam zur Kirche. Mutter und Schwester brachen schreiend zusammen. Essen und Gemeinschaft konnten den Tod nicht besiegen, aber sie halfen, das Leben zu tragen.
Ruth Zenkert Leiterin des Sozialprojektes ELIJAH in Rumänien. Aus: elijah.at/bimail
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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