Interview
Zum Dienst berufen

„Ihr sollt es gut bei mir haben“, zitierte Erich Linhardt bei seinem Empfang im Ordinariat Papst Johannes XXIII. – dass es den MitarbeiterInnen in der Diözese Graz-Seckau gut geht, war sein Herzensanliegen als Generalvikar. Denn was die Kirche verkündet, müsse sie auch leben. | Foto: Neuhold
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  • „Ihr sollt es gut bei mir haben“, zitierte Erich Linhardt bei seinem Empfang im Ordinariat Papst Johannes XXIII. – dass es den MitarbeiterInnen in der Diözese Graz-Seckau gut geht, war sein Herzensanliegen als Generalvikar. Denn was die Kirche verkündet, müsse sie auch leben.
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Nach elf Jahren als Generalvikar blickt Erich Linhardt zurück – auf Berufung, Verantwortung und das, was die Welt zum Guten verändern kann.

Herr Generalvikar, mit 1. September diesen Jahres werden Sie emeritieren. Schauen wir gemeinsam zurück, wie Ihr Dienst als Generalvikar 2015 begann:
Generalvikar Erich Linhardt: Als Wilhelm Krautwaschl zum Bischof unserer Diözese ernannt wurde, machte er sich auf die Suche nach einem neuen Generalvikar. Er bat damals unter anderem die Dechanten um Vorschläge. Nach einer Sitzung kam er auf mich zu und sagte mir: Du bist auch genannt worden – ich melde mich bald bei dir! Ich weiß sogar noch den Tag. Es war der 13. Mai, kurz vor Christi Himmelfahrt. Am Pfingstmontag kam er dann zu mir nach Voitsberg, wo ich damals Pfarrer war. Wir hatten ein langes Gespräch. Wir kannten uns ja schon aus der Seminarzeit und waren Weihekollegen – sogar nebeneinander liegend und kniend (lacht), weil L (Linhardt) kommt ja nach K (Krautwaschl).

Es war sicher hilfreich, dass wir eine vertrauensvolle Gesprächsbasis hatten und ich auch meine Bedenken äußern konnte. Aber ich sagte ihm zu, dass ich es mir überlegen werde, wenn er glaubt, dass ich dafür von meinen Fähigkeiten her passen könnte. Und er gab mir Zeit zum Nachdenken. Ich hätte nie erwartet, für diesen Dienst gefragt zu werden, und beworben hätte ich mich auch nicht für dieses Amt. Aber ich dachte: Vielleicht kann es sein, dass es Gottes Wille ist, dass ich, so wie ich bin – mit meinen Stärken und Schwächen – gerade jetzt für diesen Posten passen könnte. Darum habe ich schließlich zugesagt.

Ich habe das Amt mit großem Respekt angetreten. Ich wusste, dass es eine herausfordernde Tätigkeit ist. Meine Einarbeitungsphase verlief anders als jetzt bei meinen Nachfolgern. Ich bin froh, dass wir eine längere Übergabezeit haben mit Weihbischof Johannes und Lukas Grangl, um alles gut zu übergeben. Ich habe mich damals im laufenden Prozess eingearbeitet. Eine große Stütze war – und ist nach wie vor – Monika Weber, Assistentin im Generalvikariat. Sie hat bereits bei meinen beiden Vorgängern Helmut Burkard und Heinrich Schnuderl gearbeitet. Ihre Erfahrung und ihr Wissen waren und sind viel wert!

Bischof Wilhelm Krautwaschl hat ja einiges neu gemacht, was war für Sie herausfordernder: strukturelle Entscheidungen oder menschliche Konflikte?
GV Linhardt: Bei den menschlichen Konflikten war ja ich in erster Linie gefordert. Alle Beschwerden kommen zum Generalvikar. Aber das hat einen einfachen Grund: Wenn der Konflikt nicht gelöst werden kann, muss es noch eine höhere Instanz geben – den Bischof.

Was in der Zusammenarbeit mit Bischof Wilhelm immer sehr schön war: Wir haben Situationen besprochen und er hat dann in der Folge meine Entscheidungen mitgetragen und nicht mehr interveniert.
Bei Konflikten ist es mir grundsätzlich immer um den Menschen gegangen. Ich habe versucht, jeden spüren zu lassen, dass ich hinter ihm stehe und er mir wichtig ist – egal, welche Probleme es gibt.
Bei den strukturellen Veränderungen war ich froh, dass wir keine Pfarren aufgehoben haben. Das Entscheidende unserer Tätigkeit als Kirche geschieht draußen in den Pfarren und in Begegnungen, die bleiben. Wir brauchen Menschen, die anderen begegnen, in jedem Menschen Jesus sehen und sie das auch spüren lassen!

Wilhelm Krautwaschl (l.) – heute unser Diözesanbischof – und Erich Linhardt (r.) – unser scheidender Generalvikar – kannten sich schon aus dem Priesterseminar und waren Weihekollegen. | Foto: privat
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Stichwort „strukturelle Veränderungen“:
Wie sehen Sie das Modell „Seelsorgeraum“ und wo stehen wir in der Entwicklung?

GV Linhardt: Ich bin nach wie vor überzeugt, dass sich das Modell „Seelsorgeraum“ für die Weitergabe des Evangeliums sehr eignet. Denn das ist unser Maßstab – alles, was wir tun, hat der Verkündigung zu dienen. Was mich in der Überzeugung, dass die Seelsorgeräume eine hilfreiche Einrichtung für die Verkündigung des Evangeliums sind, bestärkt hat, waren die letzten Gespräche mit allen Seelsorgeraumleitern. Kurz bevor die erste Periode der Seelsorgeräume heuer – also nach sechs Jahren – ausläuft, habe ich mit allen SR-Leitern gesprochen. Bis auf zwei – für deren Ausscheiden allerdings nicht die Einrichtung „Seelsorgeraum“ die Ursache ist – haben alle gesagt: „Wir tun weiter!“. Das spricht für das Modell! Auch österreichweit sind wir gut unterwegs. Andere Diözesen kommen zu uns und informieren sich über unsere Reform.

Wir brauchen Menschen, die anderen begegnen, in jedem Menschen
Jesus sehen und sie das auch spüren lassen!


Die Seelsorgeräume sind in ihrer Entwicklung unterschiedlich weit – und das ist klar, denn das ist neben dem Personal von vielen Faktoren abhängig. Ich vergleiche es gern mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Wann wurden die Konzilsbeschlüsse in den Pfarren umgesetzt? Zum Beispiel der Volksaltar: Einige steirische Pfarren hatten 20 Jahre nach dem Konzil noch keinen. Große Veränderungen brauchen ihre Zeit. Daher war ich immer sehr nachsichtig und langmütig – auch, weil Langmut eine wesentliche christliche Tugend ist –, und ich habe manches Zugeständnis gemacht und mit Kompromissen gearbeitet. Denn mit Zwang erreicht man gar nichts, dadurch wird manchmal mehr kaputt. Neues muss wachsen und braucht Zeit. Ein Leitgedanke von mir, nach Götz Werner: revolutionär denken und evolutionär handeln.

Es gibt natürlich immer welche, die kritisieren. An sie war und ist meine Botschaft: Macht einen anderen Vorschlag. Ich war immer offen für Ideen. Aber ich wüsste aktuell kein besseres Modell. Die Pfarren sind bleibend wichtig. Das Vor-Ort-verankert-Sein der Menschen darf nicht verloren gehen. In meiner Zeit als Generalvikar gab es keine Pfarr-Aufhebung.

Als Generalvikar sind Sie auch Personalchef: Was ist für Sie wichtig für das Arbeitsumfeld der MitarbeiterInnen der Diözese?
GV Linhardt: Als ich Generalvikar wurde und mich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Hof des Ordinariates begrüßt haben, zitierte ich Papst Johannes XXIII.: Ich bin nicht der Gescheiteste, Schönste oder Größte, aber ihr sollt es gut bei mir haben. Mir ist es wichtig, dass es unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gut geht. Was wir als Kirche verkünden, müssen wir auch in diesem Haus leben. Und ich ärgere mich sehr, wenn ich höre, dass Vorgesetzte mit ihren Mitarbeiterinnen oder Mitarbeitern schlecht umgehen. Ich habe immer appelliert, mir Missstände zu melden. Denn als Generalvikar ist es meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es allen gut geht.
Zugleich bin ich keiner, der „drüberfährt“. Ich bin froh, dass ich das gar nicht kann. Auch in Konfliktgesprächen muss der andere noch merken: „Der mag mich.“ Wie bei Eltern und Kindern. Ein Kind darf nie den Glauben verlieren, dass es geliebt wird. So habe ich mir immer Mühe gegeben, einen guten Ton zu finden und niemanden zu verletzen.

Auf einer guten freundschaftlichen Basis stand die Zusammenarbeit zwischen Diözesan-bischof Wilhelm Krautwaschl (l.) und Generalvikar Erich Linhardt.  | Foto: Neuhold
  • Auf einer guten freundschaftlichen Basis stand die Zusammenarbeit zwischen Diözesan-bischof Wilhelm Krautwaschl (l.) und Generalvikar Erich Linhardt.
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Warum hat für Sie die katholische Kirche eine Zukunft?
GV Linhardt: Das, was wir als Kirche transportieren, ist großartig und wichtig – und das sage ich nicht, weil ich es als Priester sagen müsste. Ich bin überzeugt davon, dass das, was wir verkündigen, die einzige Möglichkeit der Veränderung des Menschen und der Welt zum Guten ist. Es gibt für mich – plakativ gesagt – keinen anderen Fortschritt als die Gottesbeziehung. Weil sie den Menschen im Inneren verändert und dadurch dem Guten zum Durchbruch verhilft.

Das Einzige, was wirklich etwas verändert, ist die Gottesbeziehung, die mein Herz verändert.


Das letzte Wort hat Gott, und das ist das Wort des Lebens und der Liebe. Das glaube ich. Darum können mir negative Nachrichten nicht den Boden wegreißen. Auch, weil katastrophale Entwicklungen nicht neu sind. Das, was politische Verantwortungsträger heute zum Teil anrichten, haben zum Beispiel die römischen Kaiser auch schon gemacht: Dem anderen etwas wegnehmen, immer mehr haben wollen, der Chef sein wollen … das liegt in dem von der Ursünde geprägten menschlichen Sein. Der Mensch will sein wie Gott. Aber er scheitert immer wieder. Das Einzige, was wirklich etwas verändert, ist die Gottesbeziehung, die mein Herz verändert.

Dass das Gute stärker als das Schlechte ist, kann man im Kleinen üben. Wenn ich mich über jemanden ärgere – zum Beispiel beim Autofahren – und mir dann verinnerliche, dass dieser auch ein von Gott geliebtes Kind ist, verschwindet die negative Einstellung, weil dadurch die Liebe in mir Platz genommen hat. Das zeigt, dass diese Haltung, die eine göttliche Haltung ist, weil es eine Liebeshaltung ist, das Negative verdrängt und damit auch mein Leben besser macht.

Ich glaube, dass unsere Botschaft von Gott kommt, und dass die Kirche Zukunft hat, weil sie Gottes Werk ist, und er die letzte Kraft und Bestimmung darstellt.

Das neue Generalvikariat in der Nachfolge von Erich Linhardt (Mitte) besteht aus Direktor Lukas Grangl (l.) und Weihbischof Johannes Freitag (r.). | Foto: Neuhold
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Der Prozess der Übergabe an Ihre Nachfolger – Weihbischof Johannes Freitag und Lukas Grangl – hat schon begonnen. Sie haben schon mehrere Veränderungen erlebt, z. B. den Wechsel in andere Pfarren. Was ist schwerer: Neuanfang oder Loslassen?
GV Linhardt: Es beschäftigt mich natürlich, wie es im Herbst weitergeht. Ich gehe ja nicht klassisch in Pension, sondern bleibe in der Diözese tätig – u. a. als Bischofsvikar für die Caritas. Dafür habe ich dann mehr Zeit zur Verfügung. Aber zuerst werde ich eine kleine Auszeit nehmen, um mich neu auszurichten für meine Aufgaben.
Wichtig war mir bei einem Neubeginn immer das Anfangen ohne Vorbehalte. Und beim Loslassen bin ich keiner, der „alle Leinen kappt“. Kontakte und Beziehungen sind mir aus allen Phasen und von allen Orten meines priesterlichen Dienstes geblieben, und die pflege ich weiter.

Sie sind in Ihrer Funktion als Generalvikar auch Herausgeber vom SONNTAGSBLATT für Steiermark. Was wünschen Sie sich zum Abschied für die Zukunft der steirischen Kirchenzeitung?
GV Linhardt: Ich habe das SONNTAGSBLATT schon als Pfarrer immer gefördert. Umso mehr freute es mich, als ich Generalvikar und damit SONNTAGSBLATT-Herausgeber wurde, zu hören, dass unsere Kirchenzeitung sich selbst finanziert – also neben dem qualitätsvollen Inhalt auch wirtschaftlich gut dasteht. Die letzten zehn Jahre haben natürlich Veränderungen gebracht. Die Abo-Zahlen gehen zurück. Ich wünsche mir jedenfalls, dass die Zeitung bestehen bleibt. Denn die Informationen, die sie bietet, bekommt man sonst wo einfach nicht. Daher werde ich auch, wenn ich nicht mehr Herausgeber bin, weiter Werbung für das SONNTAGSBLATT machen!
Vielen Dank für Ihre stete Unterstützung und alles Gute für den neuen Lebensabschnitt!

Das Interview führte Katharina Grager.


Deine vielen Gespräche – schon immer geprägt von einem tiefen, ja synodalen Zuhören, mit allen, die Anliegen hatten – gehörten genauso zu Deinem ‚Geschäft‘ wie so manche schlaflose Nacht angesichts der vielen Anforderungen, die unser kirchliches Leben mit sich bringt. Um es mit deinen Worten zu sagen: Gott ist der Herr der Geschichte. Für das Mitschreiben dieser Geschichte in unserer Diözese sage ich Dir ein herzliches Vergeltʼs Gott!

Diözesanbischof Wilhelm Krautwaschl

Foto: Neuhold

Zum Leben

Erich Linhardt wurde 1956 in Unterpremstätten geboren und wuchs in Tobelbad auf. Er studierte Geschichte, Kunstgeschichte, Philosophie und Theologie, arbeitete nach seiner Promotion 1982 als Historiker und trat 1986 ins Priesterseminar ein. Am 1. Juli 1990 empfing er im Dom zu Graz die Priesterweihe. Zwei Jahre war er als Kaplan im Pfarrverband Mürzzuschlag tätig, ehe er zum Pfarrer von Frauental an der Laßnitz bestellt wurde. 1997 übernahm Linhardt die Pfarre Voitsberg. Ab 1998 war er zudem für die Pfarren Edelschrott sowie Sankt Martin am Wöllmißberg zuständig, ab 2013 zusätzlich für Hirschegg, Modriach und Pack. 1999 gründete er die Notschlafstelle in Voitsberg. Von 1993 bis 2013 war er auch geistlicher Assistent der Familienhelferinnen, von 1995 bis 2015 Diözesanrichter. Von 2008 bis zu seiner Bestellung zum Generalvikar am 1. September 2015 war er Dechant des Dekanats Voitsberg. Nach seiner Emeritierung als Generalvikar wird er als Bischofsvikar für die Caritas und die älteren Priester tätig sein sowie weiterhin als Dompropst dem Domkapitel vorstehen.

„Ihr sollt es gut bei mir haben“, zitierte Erich Linhardt bei seinem Empfang im Ordinariat Papst Johannes XXIII. – dass es den MitarbeiterInnen in der Diözese Graz-Seckau gut geht, war sein Herzensanliegen als Generalvikar. Denn was die Kirche verkündet, müsse sie auch leben. | Foto: Neuhold
Das neue Generalvikariat in der Nachfolge von Erich Linhardt (Mitte) besteht aus Direktor Lukas Grangl (l.) und Weihbischof Johannes Freitag (r.). | Foto: Neuhold
Wilhelm Krautwaschl (l.) – heute unser Diözesanbischof – und Erich Linhardt (r.) – unser scheidender Generalvikar – kannten sich schon aus dem Priesterseminar und waren Weihekollegen. | Foto: privat
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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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