Kirche Steiermark
Mensch in Frage
- Beim Symposium „Begegnung leben – Franz von Assisi für die Welt von heute“ – eine Kooperation der Katholisch-Theologischen Fakultät Graz und der Ordensgemeinschaft der Franziskaner – war Anfang Oktober der renommierte Soziologe Hans Joas zu Gast. Er „outete“ sich dort als großer Fan des hl. Franziskus.
- Foto: Adriana Hönicke/UniGraz
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Symposium über Franz von Assisi: Soziologe Hans Joas zu Gast.
Unlängst war Hans Joas, einer der bedeutendsten Soziologen im deutschen Sprachraum, zu Gast in Graz. Beim Symposium über „Franz von Assisi für die Welt von heute“ im Grazer Meerscheinschlössl outete er sich nicht nur als großer Fan des Poverello – „ich lese alles über ihn“, so Joas –, sondern eröffnete eine Vision für eine bessere Welt. In seinem Vortrag plädierte er für das Streben nach einem guten Leben für alle Menschen. Das nüchterne Fazit: Wir waren schon näher dran als heute.
Joas’ Vision geht von einem Ethos aus, das auf das Wohl aller Menschen abzielt. „Wir sind nicht den Nahestehenden verpflichtet, der Familie, der Sippe, dem eigenen Volk, dem eigenen Staat“, so der Soziologe. Wir seien vielmehr „verpflichtet zur Wahrung der Schöpfung, sodass sich keine Generation ‚letzte Generation‘ nennen muss.“ Die Ursprünge für dieses Denken liegen weit zurück, etwa in der jüdisch-christlichen Tradition. Ein Aufleben habe es in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts gegeben, jedoch immer mit Einschränkungen. Joas verwies dabei auf die Sklaverei, die sowohl im frühen Christentum als auch in der Aufklärung legitim war. Überhaupt sei das Menschheitsethos immer umstritten – heute und in der Geschichte. Die Nationalsozialisten etwa hätten die „Humanitätsduselei“ verunglimpft zugunsten der eigenen „Rasse“, was letztlich zu einer Überwindung des Mitleids und enormer Grausamkeit geführt habe.
Das Bild der „einen Menschheit“ gab es nicht von Anfang an. Es begann dort, wo Stämme zu Staaten wurden und die Vision einer Weltherrschaft durch Ausdehnung des Territoriums und durch Unterwerfung entstand. Der Weltherrschaft widersetzt habe sich Jesus, als ihm Satan diese angeboten habe. Und auch Philosophen im antiken Judentum, in Griechenland, in Indien oder China entwickelten einen „antiimperialen Furor“. Auch der Buddhismus und der Konfuzianismus würden auf einem moralischen Universalismus ohne imperiales Interesse basieren. Es habe also immer schon beides gegeben: das Streben nach Weltherrschaft und dasjenige nach dem universellen Wohl.
In der Gegenwart ortete Joas ein gesteigertes Eigeninteresse und starke imperialistische Tendenzen. Das Großmachtstreben, das historisch überwunden schien, etwa durch die Gründung der UNO oder der EU, die das allgemeine Wohl im Fokus haben, scheint heute wieder modern zu sein. Hoffnung mache dem Wissenschafter die grundlegende menschliche Fähigkeit zur Selbstreflexion und die „Regeln der Fairness“, die schon Kinder am Spielplatz untereinander erkennen.
Zur Person:
Hans Joas, geboren 1948 in München, ist Soziologe und Sozialphilosoph. Bekannt wurde er durch Arbeiten über die „Sakralität der Person“ und über die Bildung von Werten.
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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