Vor den Vorhang - Amina Alami
Hier bin ich angekommen
- Am richtigen Platz: Mit niederschwelliger Beratung im Pop Up Chai veranstaltet Amina Alami seit 2024 Treffen für bedrohte Frauen aus Afghanistan. Die Psychologin und vierfache Mutter ist in der mobilen Gewaltschutzarbeit der Caritas aktiv. „Hier habe ich meinen Platz gefunden“, sagt sie.
- Foto: Steiner
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
Amina Alami kam Ende 2015 nach Graz. Hier hilft sie Frauen, die wie sie aus Afghanistan geflohen sind.
Das Leben: eine Hochschaubahn. Zumindest drängt sich dieses Bild auf, beim zweistündigen Interview mit ihr. Amina Alami kommt aus Afghanistan und musste ihre Heimat zwei Mal verlassen. Beim ersten Mal ist sie erst vier, als die Familie in den Iran flieht.
In Afghanistan hatten die religiös fundamentalistischen Taliban 1996 ein Islamisches Emirat errichtet und gingen radikal gegen Minderheiten und Andersdenkende vor. Kein Ort zum Aufwachsen – vor allem nicht für Amina und ihre Schwester, meinen die Eltern, und verlassen mit drei Kindern die Heimat in Richtung Nachbarland Iran. Dort hieß es, von Anfang an, versteckt zu leben, erinnert sich Amina. „Jedes Mal, wenn wir die Polizei sahen, hatten wir schrecklich Angst“, sagt sie. Wie dem Mädchen, so geht es neben ihren Familienmitgliedern auch allen anderen Geflüchteten. „Auch unser Vater, der eigentlich Arzt war, ging erst am Abend außer Haus und kam frühmorgens von seiner Arbeit im Steinbruch wieder.“ Um das Familieneinkommen aufzubessern, näht die Mutter in Heimarbeit, Amina und ihre Schwester helfen ihr und beaufsichtigen die jüngeren Geschwister.
Sehnsucht nach Schule
Neben der Angst am schlimmsten ist für Amina das Fehlen einer Schule, oder, genauer: das Nichtvorhandensein von qualitativ hochwertiger Bildung. Weil Flüchtlingskinder wie sie nicht in die öffentliche Schule dürfen, bleibt nur der Unterricht, den geflüchtete Lehrkräfte aus ihrer Heimat anbieten. Tische und Schulbänke fehlen, die Kinder lernen, am Boden sitzend, in einem Privathaus, das die Geflüchteten selber finanzieren. Trotz allem lernt Amina mehr als andere und will später einmal Psychologin werden.
Die kurze Freiheit
Zwei Dinge habe sie als Kind vor allem anderen vermisst: „Freude und Freiheit“, erzählt Amina. Zugleich sei da sehr viel Geborgenheit gewesen, Geschwisterliebe und das Gefühl des Angenommen-Seins.
2003 geht die Familie, die nun zu sechst ist, wieder zurück in ihre Heimat. Die Taliban sind nicht mehr in der Regierung, Aminas Vater findet Arbeit als Apotheker und macht sich später selbstständig. Nach drei Jahren des Mitwohnens im Haus des Onkels zieht die Familie in ein Eigenheim mit angebauter Apotheke. Amina besucht die höhere Schule – ihr Traum vom Psychologie-Studium rückt näher. Zugleich steuert sie, wie ihre Schwester, auf ein Leben als Ehefrau und Mutter zu. Als Amina 15 ist, zieht ihre große Schwester aus. Die Trennung von ihrer engsten Vertrauten während der Zeit im Iran tut weh. Auf Schmerz folgt Hochgefühl: Amina verliebt sich, und sie verlobt sich. Als sie zwei Jahre später maturiert, ist sie unter den Besten ihres Jahrganges und darf sich Studium und Universität aussuchen. Mit Unterstützung von Eltern und zukünftigem Ehemann geht sie nach Kabul und verbringt im Studentinnenheim ihr, wie sie sagt, „wunderbares erstes Studienjahr“. Es folgt die Hochzeit, und Amina zieht bei der Familie ihres Mannes ein.
Die lange Reise
Im 20-Personen-Haushalt fühlt sich Amina aufgehoben, zugleich erwarten sie die Aufgaben einer Ehefrau. Samstag bis Donnerstag steht sie um halb sechs Uhr auf und macht Frühstück und Geschirr. Zurück von der Uni, geht es im Haushalt weiter, und erst, wenn alle schlafen, findet sie Zeit zum Lernen – immer von zehn Uhr Abends bis um zwei Uhr in der Früh. Im letzten Uni-Jahr stellt sich dann Nachwuchs ein. Darüber ist die Familie erleichtert, Amina und ihr Mann freuen sich sehr. Trotz Haushalt, Lernen, Schlafentzug und den Mühen einer Zwillingsschwangerschaft schließt sie ihr Studium ab. Als sie im Bildungsministerium Arbeit findet, wird ihr der Traumjob zum Verhängnis. Denn als Amina nach der für berufstätige Afghaninnen dreimonatigen Karenz wieder zurück ins Büro kommt, wird ihr gedroht. Für die Taliban gelten Frauen wie sie als „unehrenhaft“, weil sie mit Männern das Büro teilen. Amina weiß um die Methoden der Fundamentalisten und um deren Praxis: Mordandrohung beim ersten Mal, Mordanschlag in Folge. Nach Schüssen vor der Wohnung flüchten sie und ihr Mann, der als Polizist ebenfalls bedroht wird, mit den fünf Monate alten Zwillingen.
Meine Arbeit mache ich mit ganzem Herzen. Sie gibt mir Sinn, und die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen ist wunderbar. Hier habe ich meinen Platz gefunden.
Aminas Weitsicht verdankt die Familie, im Besitz von Reisepässen zu sein. Was folgt, gleicht Migration und Flucht von Tausenden. Für Visa in den Iran muss eine horrend hohe Summe aufgebracht werden. Dort sagt man, dass eine Reise nach Europa möglich wäre – es ist Oktober 2015. Bis an die türkische Grenze kommt die Familie mit Schleppern und überquert nächtens mit vierzig anderen die Berge. Unter ihnen: Amina, die ihre Kinder stillt. In der Türkei werden die Geflüchteten registriert und erhalten Papiere, die einen zweiwöchigen Aufenthalt im Land erlauben. Gemeinsam mit Mann, Kindern, ihren Eltern und denjenigen Geschwistern, die sich auf die Flucht begeben haben, schafft Amina es zum Meer, das sie im Schlauchboot mit 50 anderen durchquert. In Griechenland besteigt sie Gratisbusse und erreicht, nach Fahrten durch Serbien, Kroatien und Slowenien, Ende 2015 mit zehntausend weiteren Geflüchteten schließlich die Steiermark.
Angekommen, um zu helfen
2019, ein Jahr nach dem Erhalt ihres Asylbescheids, mietet die Familie die erste eigene Wohnung. Aminas Mann hat Arbeit, und sie lernt eifrig eigenständig Deutsch. „Zum Glück gibt es das Internet“, lacht sie und paukt, wie in Afghanistan zu Studienzeiten, erst dann, wenn alle anderen schlafen. Ihr Deutschdiplom macht sie im Vorstudienlehrgang, den sie auch mit dem Gehalt als Küchenhilfe finanziert. Sie macht die Ausbildung zur Schulassistentin und optimiert, im Klassenzimmer mitlernend, ihr Sprachniveau. Als Freizeitpädagogin arbeitet sie bei der Stadt Graz, seit 2024 bei der Caritas und hilft als „Muttersprachlerin“ Frauen aus ihrer Heimat, die von Gewalt und Zwangsheirat betroffen sind. Und: Sie nimmt erneut Anlauf, ihren beruflichen Traum wahr werden zu lassen – die psychologische Betreuung. Wenn Amina in wenigen Monaten den Universitätslehrgang „Psychosoziale Beratung“ abschließt, wird das erreicht sein, wovon sie seit ihrem ersten Schultag auf der Flucht träumt. In Österreich ist sie angekommen.
Anna Maria Steiner
Amina Alami, geb. 1992 in Ghazni/Afghanistan, 1996 Flucht in den Iran. 2003 Rückkehr nach Afghanistan, 2010 Heirat, 2014 Studienabschluss, Geburt der Zwillingstöchter und Arbeit als Beraterin im Ministerium. 2015 Flucht nach Österreich, Geburt der beiden Söhne. Seit 2024 Caritas-Projektmitarbeiterin bei Pop-Up Chai.
◉ Divan: Die frauenspezifische Beratungsstelle in der Mariengasse 24 richtet sich mit spezialisiertem Angebot für von Zwangsheirat und „Gewalt im Namen der Ehre“ betroffene MigrantInnen. Beraten wird in der Muttersprache. Tel: 0676/88015 744 divan@caritas-steiermark.at
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.