Stichwort: Die Odyssee (Teil 3)
Des tragischen Helden Heimkehr
- Von seiner abenteuerlichen Reise, die in Troja begonnen hat, kehrt Odysseus geläutert und gereift heim.
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Die Prüfungen des Odysseus während seiner langen Irrfahrt helfen ihm, die Vergangenheit
zu verarbeiten und als Mensch zu reifen. Sind wir fähig, aus seinen Fehlern zu lernen?
Bis ins Reich der Toten, in den Hades, wurde Odysseus auf seiner abenteuerlichen Reise bereits geschickt. Doch die Zeit der Prüfungen, die ihn mit den Gräueln des Trojanischen Krieges konfrontieren, ist längst nicht ausgestanden. Bevor er bereit ist, daheim und bei sich selbst anzukommen, hat der Protagonist aus Homers antikem Epos und Christopher Nolans aktuellem Film viel aufzuarbeiten.
Die Sirenen
Sie sind ebenso betörend wie bedrohlich. Die Gesänge der allwissenden Sirenen treiben den, der sie vernimmt, in den Wahnsinn. Dennoch ist es Odysseus bestimmt, sich ihnen auszusetzen. Kirke hat ihm geraten, sich an den Mast des Schiffes binden zu lassen, die Ohren seiner Gefährten solle er mit Wachs verschließen. Die Sirenen locken mit der Versuchung, nicht heimzukehren, damit der Mythos seiner Heldentaten nicht durch die nüchterne Wirklichkeit zerstört wird. Sie konfrontieren ihn mit all den Versprechen, die er nicht gehalten hat, und seinen unerfüllbaren Wünschen.
Odysseus muss den Mut aufbringen, die Wahrheit über sich selbst anzuerkennen, anstatt mit alternativen Fakten einem Idealbild zu frönen. Seine Bereitschaft, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, steht auf dem Prüfstand. Dazu kann es schon einmal nötig sein, sich festbinden zu lassen, um nicht in bequemere Illusionen zu entfliehen. Die Rückkehr in sein früheres Leben ist nicht möglich, da er selbst inzwischen ein anderer geworden ist.
Skylla und Charybdis
Ein Anführer hat folgenschwere Entscheidungen zu treffen – oft nur mit der Option, das kleinere Übel zu wählen. So muss Odysseus eine Meerenge passieren, in der der Strudel Charybdis jedes Schiff in die Tiefe zieht. Um ihm auszuweichen, segelt er nahe an den Felsen, auf dem das sechsköpfige Ungeheuer Skylla wütet. Er nimmt den Tod von sechs seiner Männer in Kauf, um das Leben der anderen zu retten.
Es ist für Odysseus die schmerzhafteste Erfahrung während seiner Irrfahrt. Unter der Prämisse, dass die Fahrt fortgesetzt werden muss, hat er gewiss die richtige Entscheidung getroffen. Aber liegt die Wurzel all dieses Unheils nicht schon darin, dass er die Reise überhaupt angetreten hat, dass er in diesen Krieg gezogen ist, der immer mehr seiner Gefährten das Leben kostet?
Die Rinder des Helios
Auf der nächsten Insel, die sie ansteuern, weiden die heiligen Rinder des Sonnengottes. Sie dürfen nicht angerührt werden. Doch als sich die Weiterfahrt verzögert, schlachten die Gefährten eines der Rinder, während Odysseus schläft. Dadurch ziehen sie den Zorn des Zeus auf sich, der in einem mächtigen Gewitter das Schiff versenkt.
In Troja haben die Griechen alles missachtet, was anderen heilig war. Dadurch haben sie auch das Fundament ihres eigenen Menschseins zerstört. Das Schiff – Bild für das tragende und schützende Gemeinwesen – bricht auseinander und sinkt.
Die Nymphe Kalypso
Als einzig überlebender Schiffbrüchiger wird Odysseus an einen Strand gespült, an dem Kalypso ihn rettet und umsorgt. Die Nymphe hält ihn sieben Jahre lang fest, verspricht ihm ewige Jugend und lässt ihn all seine Qualen vergessen. Kalypso kann ihm Unsterblichkeit bieten, aber keine Heimat, keine Identität. Odysseus widersteht der Versuchung, sich mit dem Angenehmen zufriedenzugeben: „Es ist schön, aber nicht echt.“ Nach und nach gelingt es ihm, sich zu erinnern, wer er ist. Die Identität wächst aus der Geschichte.
Am Ende unterstützt Kalypso seine Entschlossenheit heimzukehren. Bei der Abreise fordert sie ihn auf, jegliche Kontrolle abzugeben und sich von den Wellen leiten zu lassen. Heimkommen bedeutet nicht die Wiederherstellung der Vergangenheit, sondern das Einlassen auf das Leben, wie es ihm jetzt begegnet, und das versöhnte Annehmen der eigenen Geschichte.
Auf seiner langen Reise wird Odysseus abverlangt, die Perspektive der Opfer und Leidtragenden kennenzulernen. Er wird mit seinen Tugenden und seinen Schwächen konfrontiert und herausgefordert, beides in seine Persönlichkeit zu integrieren. Er muss sich eingestehen, dass das edle Narrativ der Befreiung der schönen Helena bloß ein romantischer Vorwand war, um handfeste wirtschaftliche Interessen wie die Kontrolle über Handelsrouten und Bodenschätze zu verschleiern.
Der Film endet mit dem skeptischen Ausblick, dass die glanzvolle Epoche der Bronzezeit nun im Dunkel der Geschichte versinken würde. Odysseus klagt: „Unsere Fehler werden wieder in Vergessenheit geraten.“ Und sie würden sich wiederholen – bis zum heutigen Tag. Denn daraus lernen kann nur, wer sich erinnert.
Alfred Jokesch
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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