Stichwort: Kreuzweg
Der Weg der Erlösung

Foto: Jokesch

Die Andachtsform des Kreuzweges wird in der Fastenzeit vielerorts gepflegt. Wie ist diese Gebetstradition entstanden und welche Gestalt hat sie angenommen?

Wer hat’s erfunden? Wie so viele Traditionen der Volksfrömmigkeit, die Glaubensinhalte anschaulich und sinnlich erlebbar machen – etwa die Krippendarstellungen zu Weihnachten –, ist auch die Andachtsform des Kreuzweges eine Erfindung der Franziskaner. Im 14. Jahrhundert begann der Bettelorden, der mit der Seelsorge im Heiligen Land betraut war, in Jerusalem entlang der „Via Dolorosa“ mit den Pilgern Umzüge durchzuführen. Dabei wurde der Leidensweg des Herrn nachempfunden.

Wie Reisesouvenirs brachten die Pilger diese geistliche Praxis nach Hause mit. So entstanden vielerorts in Europa Nachbildungen jener biblischen Stätten. Vorzugsweise auf kleinen Felshügeln wurden kunstvolle Kalvarienberge errichtet und die Prozession dorthin mit eigens entwickelten Liturgien, Gebeten und Gesängen gestaltet. Der Name „Kalvarienberg“ leitet sich von „calva“ (lat. Schädel) her, also der Übersetzung des aramäischen „Golgota“ (Schädelstätte), des Ortes der Kreuzigung Jesu.

Anfangs waren nur der Startpunkt der Prozession, die Präfektur des Pontius Pilatus, in der das Todesurteil über Jesus gesprochen wurde, und der Endpunkt auf dem Gipfel des Hügels Golgota liturgisch und künstlerisch hervorgehoben. Bald wurden auch entlang des Weges Stationen eingeführt, bei denen man innehielt und einzelne Aspekte der Passion Jesu betrachtete. Auch diese Haltestellen hat man mit Schaubildern oder Figurengruppen so gestaltet, dass ein möglichst intensives Miterleben erzielt werden konnte.

Die Stationen des Kreuzwegs
Die Anzahl der Stationen entlang solcher Kreuzwege variierte. Im deutschen Sprachraum bürgerte sich – in Anlehnung an die sieben Hauptkirchen in Rom, in denen in der Karwoche die Stationsgottesdienste gefeiert wurden – zunächst die Zahl Sieben ein. Die Andacht entlang der Wegkreuze, Gedenksteine oder Kapellen wurde „Gang zu den sieben Fußfällen“ genannt, da es Brauch war, bei jeder Station niederzuknien. Andachten wie „die Sieben Stillstände“, „die Sieben Blutvergießungen Jesu“ oder „die Sieben Schmerzen Mariens“ sind ebenso belegt wie Kreuzwege, die sich an den Geheimnissen des schmerzhaften Rosenkranzes orientieren und demzufolge fünf Stationen aufweisen.

Die heute verbreitetste Form mit 14 Stationen hat sich um das Jahr 1600 etabliert. Papst Clemens XII. erließ 1731 eine Unterweisung, in der er diese Form als Standard festlegte. Den Franziskanern erteilte er in dem Schreiben das Privileg, Kreuzwege zu errichten. Zu dieser Zeit gab auch der hl. Leonardo da Porto Maurizio, Franziskanermönch und Volksprediger, der Kreuzwegandacht ihre heutige Form. In seinem letzten Lebensjahr baute er jene 14 Kreuzwegkapellen in das römische Kolosseum ein, entlang derer bis heute jedes Jahr am Karfreitag der Papst den Kreuzweg betet.

Ein Weg geistlicher Solidarität
An der Schwelle zum 18. Jahrhundert wurde damit begonnen, auch in den Kirchen­innenräumen Kreuzwege zu installieren. Verteilt im ganzen Kirchenschiff wurden mit 14 Holzkreuzen an den Wänden die Stationen markiert, die bei der Andachtsprozession abgeschritten wurden, meistens ergänzt durch deren bildhafte Darstellung als Gemälde, Relief oder Plastik. Besonders verbreitet hat sich diese Andachtsform im 19. Jahrhundert, weshalb in unseren Kirchen viele Kreuzwege im für die Epoche charakteristischen Nazarenerstil erhalten sind. Aber auch bedeutende Kunstwerke bis herauf in die Gegenwartskunst sind dabei entstanden.

Vereinzelt mischen Kreuzwege andere Szenen unter die traditionellen 14 Stationen, etwa die Verhaftung, die Verspottung, die Geißelung oder die Dornenkrönung Jesu. Auch Kreuzwege mit 15 Stationen sind gebräuchlich. Dabei wird entweder – vor allem in bayrischen Barockkirchen anzutreffen – die Auffindung des Kreuzes durch Kaiser Konstantins Mutter Helena dargestellt, oder – was sich immer mehr verbreitet – die Auferstehung Jesu, die Frauen beim leeren Grab oder die Emmausjünger. Dies trägt der Sehnsucht Rechnung, die Andacht nicht bei der Grablegung enden zu lassen, sondern sie mit der Hoffnungsperspektive auf die Auferstehung zu beschließen.

Der geistliche Gehalt der Kreuzwegandacht liegt darin, sich das Beispiel Jesu, auf welche Weise er Leid, Hass und Gewalt begegnet, vor Augen zu halten. Wir sind herausgefordert, darüber nachzusinnen, wo wir selbst zu jenen gehören, die verurteilen, anderen eine schwere Last aufbürden und sie zu Fall bringen, jemanden bloßstellen oder festnageln, aber auch zu jenen, die Trost spenden, Trauer empfinden, beim Kreuztragen helfen oder Leidende aufrichten. Und wir nehmen solidarisch Menschen in den Blick, denen heute in ähnlicher Weise Leid zugefügt wird.

Alfred Jokesch

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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