27. Sonntag im Jahreskreis | 05. Oktober 2025
Meditation
- Tama66 auf Pixnio
- Foto: CC0
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
Symphonie der Welt
Wenn ich bei Nacht von einem erhöhten Punkt unserer Stadt aus all die Häuser sehe, dann regt mich der Anblick zu Betrachtung und Gebet an. Sicherlich gibt es Häuser, in denen das Glück herrscht: Da feiert jemand Geburtstag, und die Freunde lassen ihn hochleben … In jenem Haus da – wer weiß – freut man sich über die Geburt des ersten Kindes … Dort knallen die Sektkorken: Der Hausherr ist in der Firma, in der er arbeitet, befördert worden … Nebenan wird Guaraná, ein alkoholfreies, hier in Nordostbrasilien sehr populäres Getränk, eingeschenkt. Ein Familienmitglied ist nach dreißig Jahren Aufenthalt im Süden des Landes auf Besuch gekommen. Aber noch immer ist der Mann in seiner Seele, in seinen Gesten und mit seiner singenden Sprache Nordostbrasilianer.
Wenn man so von hier oben die Stadt betrachtet, gibt es selbstverständlich glückliche Häuser. Auch für Glückliche soll man beten, und zwar nicht nur, weil das Glück wie ein scheuer Vogel ist, der kommt und schon wieder weg ist, sondern auch weil man in glücklichen Stunden an Gott denken und ihm danken soll.
Zugleich aber ahne ich unter den Dächern Not und Leid, die auf unser brüderliches Gebet warten. In etlichen Häusern liegen Kranke, um die sich die Familien sorgen. Leben ringt mit dem Tod. Menschen scheiden aus diesem Leben ...
In den Häusern und Wohnblocks da vorne; wie viele Dramen mögen sich dort abspielen? Wie hart muss es sein, nach Hause zu kommen und mitteilen zu müssen, dass man entlassen worden ist? Und wie viel moralisches Leid mag sich da verbergen! Zwietracht zwischen Eheleuten, Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kindern, verlassene Frauen – Einsamkeit, Einsamkeit und nochmals Einsamkeit!
Geist des Herrn!
Gieße gute Gesinnung in alle Herzen!
Mach, dass wir unser Herz weiten
und in unserer Stadt alle Städte der Welt sehen!
Und lass zum Vater eine nie gehörte
und großartige Symphonie der Welt
aufsteigen!
Dom Hélder Câmara in einer seiner 5-Minuten-Radiopredigten (Radio Olinda, Recife). Dt.: selig die träumen, Pendo-Verlag, 1982.
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.