12. Sonntag im Jahreskreis | 21.06.2020
Meditation

Foto: Simon Wilkes/unsplash

Seinen Träumen trauen.

Vor vielen hundert Jahren lebte in Krakau ein armer Jude. Eines Nachts träumte ihm, er solle nach Prag gehen. An der Brücke über der Moldau solle er graben, dann würde er einen Schatz finden. Und weil er es dreimal hintereinander träumte, packte er sein Bündel und wanderte los. In Prag angekommen, sah er sofort, dass es unmöglich war, hier zu graben. Über die Brücke zogen Kaufleute mit ihren Waren, Bauern zogen ihre Karren darüber, und dazwischen liefen Frauen mit Körben und spielende Kinder.

An den Brückentoren standen Soldaten, die dieses ganze Getümmel überwachten. Diesen fiel der arme Jude auf, wie er so Tag für Tag dastand und überlegte, wo er denn nun graben solle. „Was machst du hier“, fuhren sie ihn an, spionierst du, oder bist du gar ein Dieb? Scher dich fort.“ Da erzählte er seinen Traum. Der Hauptmann lachte. „Seinen Träumen trauen, wo gibt’s denn so was. Ich träume schon wochenlang, ich solle nach Krakau wandern und unter dem Ofen eines armen Juden graben. Dort soll ein Schatz liegen.“
Der arme Jude bedankte sich, wanderte schnurstracks zurück nach Krakau, grub unter seinem Ofen und fand den Schatz. Grabe nicht woanders. Grabe bei dir.
Chassidische Geschichte

Ich dein baum
Nicht du sollst meine probleme lösen
sondern ich deine
gott der asylanten
nicht du sollst die hungrigen
satt machen
sondern ich soll deine kinder behüten
vor dem terror der banken und militärs
nicht du sollst den flüchtlingen
raum geben
sondern ich soll dich aufnehmen
schlecht versteckter gott der elenden

Du hast mich geträumt gott
wie ich den aufrechten gang übe
und niederknien lerne
schöner als ich jetzt bin
glücklicher als ich mich traue
freier als bei uns erlaubt

Hör nicht auf mich zu träumen
gott
ich will nicht aufhören mich
zu erinnern
dass ich dein baum bin
gepflanzt an den wasserbächen
des lebens.

Dorothee Sölle

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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