14. Sonntag im Jahreskreis | 05. Juli 2026
Meditation - Gnade am Brunnen

Foto: pexels / Thắng-Nhật Trần

Alleine kommt die Frau zum Brunnen. Fünf Beziehungen liegen hinter ihr, und der Mann, mit dem sie jetzt lebt, ist nicht ihr Ehemann. In einem kleinen Dorf bleibt so etwas nicht verborgen. Die anderen Frauen tuscheln, man meidet sie, vielleicht schaut man weg, wenn sie vorbeigeht. Also geht sie zu einer Zeit Wasser holen, zu der niemand sonst dort ist – in der Mittagshitze.

Wie erstaunt muss sie gewesen sein, als sie – als Samariterin – von einem Juden angesprochen wurde! Jesus bittet sie um Wasser, obwohl Juden und Samariter normalerweise keinen Kontakt miteinander hatten. Und es wird noch erstaunlicher, als Jesus zeigt, dass er ihre Vergangenheit genau kennt: „Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann (vgl. Joh 4,18).“ Doch er sagt es nicht verurteilend. Er sieht sie – so wie sie ist – mit ihrer Vergangenheit und ihren Fehlern und bleibt im Gespräch. Er schenkt ihr Würde, wo andere sie abgestempelt hätten.

Wenn ich Blödsinn baue und in den Scherben hocke, traue ich mich oft nicht, mich an Gott zu wenden. Dann bete ich nicht gerne, weil ich mich schuldig fühle und denke: Jetzt kann ich nicht zu Gott. Jetzt nicht. Dabei wäre genau das der Moment, in dem ich ihn am meisten brauche.

Manchmal fühlt es sich so an, als wäre Gott weit weg – vor allem dann, wenn wir uns selbst nicht ausstehen können. Doch die Bibel erzählt immer wieder das Gegenteilige: Gott entfernt sich nicht. Er bleibt. Er wartet mit offenen Armen, auch wenn wir denken, wir könnten gerade nicht zu ihm. Die Distanz, die wir spüren, ist nicht seine. Er ist der Vater, der entgegenläuft. Der Hirte, der sucht. Der Gott, der näher ist, als wir glauben.

Psalm 103 erinnert uns: „Er handelt nicht mit uns nach unseren Sünden.“ Zum Glück nicht. Wir sind Menschen, und wir machen Fehler. Doch Gott wartet darauf, dass wir mit unseren Scherben zu ihm kommen. Er möchte trotzdem Teil unserer Geschichte sein. So wie er der Frau am Brunnen lebendiges Wasser schenkt – und sie am Ende ihre Scham ablegt, in die Stadt läuft und von dem erzählt, der sie kennt und trotzdem liebt.

Maria Wilbrink

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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