4. Fastensonntag | 19. März 2023
Kommentar

Blinde Augen und blinde Herzen

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Dieser berühmte Satz aus Antoine de Saint-Exupérys genialer Erzählung „Der Kleine Prinz“ bringt treffend die Geschichte der Blindenheilung im Johannesevangelium auf den Punkt. Hier geht es um unterschiedliche Arten und Qualitäten des Sehens. Und es geht um verschiedene Dimensionen, Ursachen und Auswirkungen von Blindheit. In der Heilung und noch mehr in der langen Kontroverse, die sie nach sich zieht, zeigt sich, dass es unverschuldete, aber auch schuldhafte Blindheit gibt, die es zu unterscheiden gilt.

Jesus sieht mit den Augen und mit dem Herzen gut. Im Vorübergehen sieht er den blinden Mann nicht bloß, sondern hat auch ein offenes Herz für seine Not, er wendet sich ihm mit ganzer Aufmerksamkeit zu und berührt ihn genau dort, wo seine Beeinträchtigung, sein Unvermögen sitzt. Eigens wird betont, dass der Mann schon blind geboren wurde, um zu zeigen, dass die Frage nach einem Verschulden hier nicht zielführend ist. Seine Blindheit ist ein organisches Defizit. Jesus kann es heilen, weil der Mann mit dem Herzen gut sieht und das Wesentliche erkennt: dass Jesus das Licht der Welt und das Licht seines Lebens ist.

Die Pharisäer hingegen haben gesunde Augen. Doch sie sehen nur das Oberflächliche: das Sabbatgebot, die vermeintliche Sündhaftigkeit anderer Menschen, die Ausschließungskriterien ihrer Gemeinschaft. Diese Blindheit ist sehr wohl schuldhaft. Sie verkehrt das Gute, Lichtvolle und Heilsame, das durch Jesus geschieht, in Böses.

Alfred Jokesch

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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