SONNTAGSBLATT_Diözesanwallfahrt nach Israel (Februar 2020) - Teil 06
Was in Jerusalem schwer gelingt, ist in Galiläa möglich

Am Ufer des Sees Gennesaret ist die Nähe Jesu mit allen Sinnen erlebbar.
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  • Am Ufer des Sees Gennesaret ist die Nähe Jesu mit allen Sinnen erlebbar.
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Interessierte Christen reisen nach Israel, um Jesus näher zu kommen.

Eine Möglichkeit, sich christlichen Glaubensinhalten anzunähern, ist es, sich in die Zeit und an die Orte des Neuen Testaments zurückzuversetzen. Dann wird man leichter verstehen. An der Geschichte der Stadt Tiberias lässt sich dies verdeutlichen. Im Jahr 19 nach Christus gründete der Tetrach Herodes Antipas, der nach dem Tod seines Vaters über Galiläa und Peräa im Ostjordanland herrschte, die Stadt. Er ließ sie mit einem Palast, einem Marktplatz, einem Stadion, einem Theater und einem Hippodrom erbauen. Er wählte sie zu seinem Amtssitz und benannte sie nach Kaiser Tiberius. Taktisches Antichambrieren war selbst in einer abgelegenen Provinz überlebenswichtig.
Als Problem stellte sich für Herodes Antipas dar, dass niemand in die neu erbaute Stadt ziehen wollte, denn diese war zum Teil über einem jüdischen Friedhof und somit gegen jüdische Religionsgesetze errichtet worden. Der jüdisch-römische Historiker Josephus Flavius berichtet davon in seinen „Antiquitates“: „Tiberias war übrigens von zusammengelaufenem Volk bewohnt, worunter sich auch viele Galiläer und gezwungene Ankömmlinge befanden, die mit Gewalt dort angesiedelt wurden, obwohl sie zum Teil den besseren Ständen angehörten. Auch die Bettler, die im ganzen Lande aufgefangen wurden, sowie viele, von denen nicht einmal feststand, ob sie Freie waren, erhielten hier Wohnungen angewiesen und bekamen mancherlei Vorrechte. Um sie an die Stadt zu fesseln, ließ Herodes ihnen Häuser bauen und Ländereien zuteilen, da es ihm wohlbekannt war, dass ihnen nach jüdischen Vorschriften das Wohnen daselbst nicht gestattet war.“

Die Zuhörer werden Jesus beigepflichtet haben, wenn er das Gleichnis von jenem Mann erzählte (Lk 14,15–24), der ein reiches Gastmahl veranstaltete und seine Knechte aussandte, um Gäste zu laden. „Aber einer nach dem anderen ließ sich entschuldigen. Der erste ließ ihm sagen: Ich habe einen Acker gekauft und muss jetzt gehen und ihn besichtigen. Bitte, entschuldige mich. Wieder ein anderer sagte: Ich habe geheiratet und kann deshalb nicht kommen. Der Diener kehrte zurück und berichtete alles seinem Herrn. Da wurde der Herr zornig und sagte zu seinem Diener: Geh schnell auf die Straßen und Gassen der Stadt, und hol die Armen und die Krüppel, die Blinden und die Lahmen herbei.“

Wenige Jahre zuvor hatte Herodes bereits die Stadt Sepphoris, die nur eine gute Wegstunde von Nazaret entfernt liegt, wiederaufbauen lassen, nachdem sie von Publius Quintilius Varus zerstört worden war. Denn die Stadt hatte sich nach dem Tod von Herodes dem Großen im Jahre vier vor Christus gegen die Herodianer und damit gegen die römische Oberhoheit aufgelehnt. In Sepphoris, so nehmen Neutestamentler an, hat Jesus wohl mit seinem Vater als Bauhandwerker gearbeitet und kam dort mit der griechisch-römischen Welt in Berührung.
Nachdem die beiden großen Bauvorhaben abgeschlossen waren – wir sprechen vom Jahr 28 nach Christus – änderte sich die soziale Situation der knapp 200.000 Bewohner Galiläas radikal. Es gab deutlich weniger Arbeit, zugleich war aber durch den Ausbau der Städte die römische Administration viel näher an die Menschen herangerückt. Es etablierte sich eine Art antiker Kapitalismus, dessen oberstes Ziel die Gewinnmaximierung war. Für die „kleinen Leute“ war die Last der Abgaben erdrückend. Es gab eine Grundertragssteuer, eine Handels- und Gewerbesteuer, eine Kopfsteuer, die auch das Vieh und die Sklaven mit einbezog, dazu die Tempelsteuer, den Wege- und Brückenzoll. Etwa 90 Prozent der Bewohner Galiläas lebten von der Fischerei oder als Kleinbauern, Hirten und Taglöhner von der Landwirtschaft. Sie investierten in Saatgut oder in Fischerboote, trugen das Risiko der Produktion und zahlten bis zu 44 Prozent des Umsatzes an Steuern. Damit nicht genug. Die Abgaben wurden unerbittlich eingetrieben, und kam dann auch noch eine Missernte dazu, dann tappten die Familien oft sehr rasch in die Schuldenfalle.

An diese Menschen der Unterschicht wandte sich Jesus und machte ihnen Mut, wenn er in den Seligpreisungen (Mt 5,6) sagt: „Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden.“ Und im zentralsten Gebet, das er seine Jünger lehrt, dem Vaterunser, ruft er aus: „Unser tägliches Brot gib uns heute!“ Jesus war in seinen Worten den Menschen eben ganz nahe.

Am Ufer des Sees Gennesaret ist die Nähe Jesu mit allen Sinnen erlebbar.
Wolfgang Sotill beantwortet auch in seinem Buch oft gestellte Fragen.
Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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