Quelle des Segens - Schritte zu einer lebendigen Liturgie | Teil 15
Spannung auf das Ziel

Ravenna, Mausoleum der Galla Placidia, 5. Jh.

Die eschatologische Dimension der Liturgie legt in unseren Alltag einen Samen lebendiger Hoffnung.

Wenn der Priester bei der heiligen Messe die Worte der Wandlung über Brot und Wein gesprochen hat, ruft die versammelte Gottesdienstgemeinde den unter diesen Gestalten gegenwärtigen Christus an mit den Worten „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit“. Der dritte Teil dieser Anrufung spannt einen Bogen nach vorne in eine Zukunft, die über unseren Lebens- und Glaubensweg, über die Welt und ihre Geschichte hinausreicht.

Der selige Papst Johannes Paul II. hat dies in seiner Enzyklika „Ecclesia de Eucharistia“ (2003) besonders hervorgehoben und geschrieben: „Die Eucharistie bedeutet Spannung auf das Ziel hin, Vorgeschmack der vollkommenen Freude, die Christus versprochen hat; in gewisser Weise ist sie Vorwegnahme des Paradieses, ,Unterpfand der künftigen Herrlichkeit‘. In der Eucharistie drückt alles die vertrauensvolle Erwartung aus, dass ,wir voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten‘. … Eine bedeutsame Konsequenz der eschatologischen Spannung, die in die Eucharistie eingeschrieben ist, besteht auch darin, dass sie uns auf dem Weg durch die Geschichte einen Impuls gibt und in die tägliche Arbeit und Pflicht eines jeden einen Samen lebendiger Hoffnung legt.“

Im Bewusstsein vieler Christen, die am Gottesdienst teilnehmen, ist diese Tatsache wenig verankert. Auch die Gestaltung der meisten Gottesdienste und vieler, zumal neuer Gottesdiensträume berücksichtigt kaum diese grundsätzliche Ausrichtung der Eucharistiefeier in die Zukunft mit Gott hinein. Durch diese Feiern und Räume wird zwar das Bewusstsein vermittelt, dass der Herr in unserer Mitte da ist. Er ist, bildhaft gesprochen, in uns und über uns gegenwärtig. Weniger oder gar nicht wird aber die ergänzende Wahrheit bewusst, die lautet: Der Herr ist vor uns, er ist der Kommende, und wir können ihm wie die frühe Kirche sehnsüchtig zurufen: „Maranatha!“ – „Komm, Herr Jesus!“

Die frühen Christen waren stark geprägt von der Hoffnung, dass Christus ihnen schon bald in einer erneuerten Welt, dem Reich Gottes, begegnen werde. Es gab große Krisen, als offenbar wurde, dass die Kirche in einer prinzipiell erlösten, aber weiterhin verwundeten und von bösen Mächten bedrohten Welt leben muss. Die Antwort auf diese heilsgeschichtliche Vorgabe kann Lethargie sein, Anpassung an widrige Verhältnisse ohne Dynamik zur Veränderung oder eine Spiritualität dynamischer Pilgerschaft in Hinwendung zu Christus, der am Ende unserer Geschichte auf uns wartet.

Im Glauben an diese Zukunft wurden jahrhundertelang die meisten Kirchen in Richtung Osten gebaut, und Priester wie Gemeinde beteten dorthin gewendet: zur aufgehenden Sonne, die als Symbol für den wiederkehrenden Christus, das Licht der Welt, verstanden wurde. Heute ist diese Symbolik größtenteils aufgegeben. Der Priester betet zur Gemeinde gewendet und schließt mit ihr so etwas wie einen Kreis um den Altar. Aber auch in dieser Dramaturgie muss bewusst sein, muss immer neu bewusst gemacht werden, dass die eschatologische Dimension zum Wesen jeder christlichen Liturgie gehört. Wo sie schwach wird, verliert die feiernde Gemeinde viel an spiritueller Dynamik.

Dr. Egon Kapellari, Diözesanbischof

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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