Gott in Frankreich | Teil 08
Neuerdings gibt es für uns gefährliche Orte

Wo man in Paris jüdisch essen und einkaufen kann: In der Rue des Rosiers im Pariser Stadtviertel „Marais“ gibt es noch viele Händler, die bereits seit Jahrzehnten hier leben und das Bild der Straße prägen.
  • Wo man in Paris jüdisch essen und einkaufen kann: In der Rue des Rosiers im Pariser Stadtviertel „Marais“ gibt es noch viele Händler, die bereits seit Jahrzehnten hier leben und das Bild der Straße prägen.
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Freitags zwischen vier und fünf Uhr nachmittags nimmt Friseur Yoram seinen großen schwarzen Hut und verlässt rasch das winzige Geschäft am „Pletzl“. Er ist nicht der Einzige, der es eilig hat: Beim Feinkosthändler Sacha Finkelsztajn in der „rue des Rosiers“ drängen sich noch hastig einige ältere Damen um den langen Ladentisch. Pastrami, Hummus und Strudel sind schon ausverkauft, von der Pastete „gefilter Fisch“, den Salzgurken und Fladenbroten ist noch zu haben. Auch der schwarz gekleidete alte Mann mit den Schläfenlocken macht sich auf den Weg, nachdem er den ganzen Nachmittag am Gehsteig sitzend versucht hatte, seinen Stapel an Zeitschriften loszuwerden. Innerhalb einer Stunde ist das Marais, der jüdische Bezirk in der Pariser Altstadt, fast menschenleer. Shabbat beginnt.

Dieser exotisch-fremde Lebensrhythmus in den engen Gassen, wo osteuropäisches und nordafrikanisches Judentum mit französischem Flair nur wenige Straßen fern von der Pariser Hektik verschmelzen, ist längst kein Geheimtipp mehr. Die jüdischen Buchläden und Kunst-Ateliers in neuzeitlichen Adelshäusern, die koscheren Fleischereien, osteuropäischen Patisserien und Fallafel-Imbiss-Stuben locken. Doch nicht immer leben Pariser Juden friedlich und idyllisch, wie das Touristen im Marais so gern vermuten.

 

Antisemitismus nimmt zu

Frankreichs geschätzte 600.000 Juden, Europas größte und die weltweit viertgrößte jüdische Gemeinde, fühlen sich unsicher: „Es gibt für uns neuerdings gefährliche Orte“, sagt David Fuchs, emeritierter Psychologie-Professor und Leiter des jüdischen Kulturzentrums im Marais. Vertreter des „Crif“ (Le Conseil représentatif des institutions juives de France), das übergeordnete Gremium aller jüdischen Institutionen Frankreichs, stellen jährlich ein Ansteigen an antisemitischen Gewaltakten fest. 2005 verzeichnete man 134, 2006 bereits 213 und im ersten Viertel dieses Jahres schon 158 Agressionen gegenüber jüdischen Personen. Kaum ein Monat vergeht, in dem französische Medien nicht über Antisemitismus berichten: Im März zerstörte man in Lille 50 jüdische Grabsteine, Ende April wurde ein Rabbi in der Pariser Métro attackiert und im Mai eine junge Jüdin in Marseille aufgrund ihres jüdischen Schmuckstücks mit einem Messer bedroht. Auch der Foltermord an einem jüdischen Kaufmann im Februar vergangenen Jahres ist noch in vielen Köpfen präsent.

Reaktion auf Diskriminierung

Die Hauptkritik des „Crif“ gilt der mangelnden Integrationspolitik: Die Übergriffe gegen Juden lassen sich nicht aus politisch-religiösen Motiven erklären, bemerken jüdische Vertreter, sondern gehören zur Reaktion der (großteils arabisch-muslimischen) Bevölkerung auf ihre Diskriminierung im Alltag.

In den kommenden Monaten werden die Bewohner des Marais erneut auf die immer wiederkehrende Tragik französisch-jüdischer Geschichte aufmerksam machen: Wenn sie am Abend des 16. Juli vor der Steintafel an der Volksschule mit dem „Wir vergessen sie nicht“ stehen und der 165 Schüler gedenken, die man 1942 nach der großen Razzia in Konzentrationslager deportierte. Oder wenn sie sich am 9. August im „Jo Goldenberg“ versammeln, um an den Restaurant-Anschlag im Jahr 1982 zu erinnern, der sechs Tote und zweiundzwanzig Verletzte verursachte. Dann zeigt sich das Marais auch als Ort der Trauer und des sozialen Gewissens.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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