Abenteuer Gottesglaube | Teil 03
Mami Ruth – die Bienenkönigin der Straßenkinder

Ruth mit Kindern in ihrer neuen Heimat in Siebenbürgen.
  • Ruth mit Kindern in ihrer neuen Heimat in Siebenbürgen.
  • Foto: Konstantin Rhomberg
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Die Unscheinbare überragt die Mächtigen

Damals, vor 25 Jahren, war Ruth Praktikantin im Jugendhaus der Caritas in der Wiener Blindengasse. Ruth studierte Religionspädagogik, nachdem sie ihre Stelle als Programmiererin in einer Bank gekündigt hatte.

Im Jugendhaus ging es oft hoch her, weil wir am Anfang unseres Experiments mit strafentlassenen Jugendlichen, Arbeitslosen und Obdachlosen viele Fehler machten, vor allem aber oft Angst hatten. So schaukelten sich manche Begegnungen mit verzweifelten Jugendlichen zu gefährlichen Situationen auf. Nicht selten haben wir die Sekunden gezählt, bis die Polizei kam. Wir waren froh, wenn wir starke Mitarbeiter hatten mit großen Muskeln – in der Hoffnung, dass unsere Schützlinge vor ihnen Respekt haben würden.

Abends, nach zehn. Abends um 22 Uhr wurde das Tor geschlossen, dann kamen aber doch immer wieder Leute zu spät und konnten nicht herein. Sie randalierten vor der Tür, nicht selten gelang es ihnen, das Haustor aufzubrechen. Dann stand plötzlich ein Gewalttäter im Stiegenhaus. Die meisten Mitarbeiter hatten sich in ihre Zimmer eingeschlossen und fürchteten sich. Da kam Ruth in Nachtmantel und Pyjama aus dem ersten Stock herunter und empfing den Randalierer. Plötzlich wich aller Lärm, alle Gewalt, der Bursche wurde charmant und küsste ihr die Hände. „Gib mir deine Puff’n!“, sagte die Schwäbin, wie sie es von ihren Wiener Schützlingen gelernt hatte. Er übergab Ruth die Pistole, mit der er zuvor allen Angst eingejagt 
hatte.

Auf diese Art sammelte Ruth in wenigen Jahren einen ganzen Koffer voller Requisiten: Messer, Pistolen, Ketten, mit denen unsere starken Burschen sie beeindrucken wollten.

Wir hatten uns damals oft in die Kapelle geflüchtet und gebetet, dass die Gefahr vo-
rübergehen möge. Die Lösung aber war mitten unter uns. Nicht die starken Männer, sondern das zarte Mädchen löste die Konflikte, verbreitete Vertrauen. Vor allem die Verzweifelten suchten bei ihr Zuflucht. Einer, der Pepi, stellte ihr einmal spät nachts seine kitschigen roten Filzpantoffeln in Form eines Autos vor die Tür. Am Morgen lag er tot im Hof, er hatte sich aus dem vierten Stock gestürzt. Noch heute stehen diese Hausschuhe bei Ruth. Sie vergaß Pepi nie, sie weinte viel um ihn.

Das war die Blindengasse. Aus ihr sind viele andere Einrichtungen hervorgegangen. Alle waren durch Ruths unsichtbare Hand gut organisiert und von tüchtigen Mitarbeitern getragen. In jedem Haus gab es fast so etwas wie eine Familie oder zumindest eine gute Gemeinschaft. Die Mutter all dieser Einrichtungen war Ruth, was mehr im Rückblick als damals sichtbar wurde. Sie blieb im Hintergrund. Nur in der Gefahr trat sie nach vorne.

Von Wien nach Bukarest. 1992 war ich in Bukarest in einer ähnlichen Situation wie zehn Jahre zuvor in Wien: vollkommen überfordert von den Horden von Jugendlichen, die uns verzweifelt bedrängten, weil sie Hilfe brauchten, krank oder verletzt waren. Ich dachte mir oft: Gut, dass uns die Freunde von der Straße in Wien trainiert haben, sonst hätten wir diese Bedrohung nicht überstanden.

Die konkrete Lösung für unsere Probleme war, dass Ruth nach Rumänien kam. Das Leitwort, dorthin zu gehen, wo die Not am größten ist, konnte sie überzeugen, ihre geliebte Blindengasse in Wien zu verlassen und ihren Nachfolgern zu übergeben.

Dann eröffneten wir in der Nähe des Bahnhofes Bukarest ein Sozialzentrum, in dem es so wild herging wie in der Blindengasse in Wien. Wir machten immer die besten Mitarbeiter(-innen) und Sozialarbeiter (-innen) zu Leitern, weil es eine schwierige, gefährliche, exponierte Aufgabe war. Es war nicht leicht, dafür Leute zu finden. War einer gefunden, verließ er oft schon nach Wochen oder sogar Tagen das Schiff auf dem stürmischen Meer. Zu oft wurden Türen eingeschlagen, gab es Verletzte, musste die Polizei kommen. Die Verzweiflung der Straße schwappte ins Haus herein.

Als ich nicht mehr ein noch aus wusste und schon am Aufgeben war, bot sich eine letzte Lösung, wer das Sozialzentrum Lazarus übernehmen sollte. Ruth war bis dahin auf der „Farm der Kinder“ für 80 Kinder verantwortlich gewesen. Dort ging es ruhiger zu, Familiengruppen waren entstanden, Gemeinschaften gewachsen. So blieb mir nichts anderes übrig, als ihnen die Mutter wegzunehmen und Ruth zu bitten, nach Bukarest zu kommen.

Kultur der Achtsamkeit. Ruth zog in ein kleines Zimmer im ersten Stock des Sozialzentrums Lazarus. Ihre erste Aktion: Sie malte mit Freunden den Speisesaal neu aus. Es gab ab sofort Tischtücher, jeden Tag stand eine Blume auf dem Tisch. Das ganze Haus wurde mit schönen Ikonen und Bildern, die die Jugendlichen zum Teil selbst gemalt hatten, geschmückt. Tausend Zeichen der Kultur, der Liebe, des Spiels, der Musik und auch des Gebets wurden zu einem Geflecht, das den Tagesablauf im Sozialzentrum strukturierte und ein wahres Wunder bewirkte. Wo Ruth ist, wird gebetet. Es ist ein Gebet, bei dem alle mitmachen können.

Seit Ruth im Haus lebte und die Kultur der Achtsamkeit, der Freundschaft, der Geduld mitbrachte, gab es fast keine Gewalt mehr. Die Verzweiflung wurde in Tränen und Ge-sprächen, in Umarmungen und beim Spielen ausgelebt, nicht durch Gewalt. Jedenfalls hatte die Polizei bei uns kaum mehr Arbeit. Um sie herum sind viele Volontär(-innen) und Mitarbeiter herangewachsen, die ohne Worte, einfach durch Zuschauen und Mitleben, diese zarte und starke, diese mutige und sensible Weise der Führung gelernt haben. Ruth war ein weiteres Mal zur Mutter für viele Kinder geworden, auch für Jugendliche, die es im Haus nicht ausgehalten oder die wir nicht ausgehalten hatten.

 

Sie sorgen füreinander. Jene, die gescheitert waren, wurden für Ruth zu Mitstreitern. Sie konnten zwar nicht im Haus bleiben, aber auf der Straße sorgten sie für die Kleineren und schickten sie ins Sozialzentrum, nicht selten mit Blumen und Grüßen an Ruth.

Angelica, selbst viele Jahre auf der Straße, mit vernarbten Armen, weil sie sich in der Verzweiflung so oft die Haut aufgeritzt hatte, nennt Ruth die Cocoana, die Bienenkönigin. Sie hat damit am besten ausgedrückt, was Ruth für die Straßenkinder und die Obdachlosenwelt von Bukarest geworden ist.

Ruth hat nie laute Worte gesprochen, hat nie viele Worte gebraucht, kam nie auf die Idee, sich selbst zu verkaufen. Sie lebt einfach mit ihren Schützlingen in einer selbstverständlichen Weise, sodass daraus eine Familie wird, die tröstet, heilt und vor Gefahren schützt, auch vor den Gefahren des Missbrauchs, der in dieser Arbeit so bedrohlich ist.

Auch bei Concordia kam die Zeit des Abschieds. Andere waren da, um das Werk zu managen. Getragen wird es von den besten Sozialarbeiter(-innen). Ruth hat sie ausgebildet, mit ihrem Leben angeleitet.

Weiter nach Siebenbürgen. Ihr Leitwort, dorthin zu gehen, wo die Not am größten ist, hat nun Ruth nach Siebenbürgen weitergeführt. Hier versuchen wir, in Dörfern mit vielen Roma-Familien, viel Armut, viel Verwahrlosung, vielen Kindern Gerechtigkeit und Frieden zu schaffen, den Hunger zu bannen und den Kindern eine Möglichkeit zu geben, eine Ausbildung zu machen. Vor allem aber soll das Dorf sauber werden, Beziehungen zwischen den Bevölkerungsgruppen – den wenigen Sachsen, die es noch gibt, den Rumänen, den Roma, den Zigeunern, wie sie sich hier nennen – sollen geknüpft werden.

Wenn heute Ruth durch unsere zwei Dörfer Hosman und Nou geht, dann tönt es aus allen Hütten: Mami Ruth!

[p]
Die „gefährliche Person“ aus der Blindengasse wurde zur Cocoana in Bukarest und ist nun mit 50 Jahren die Mami Ruth im Roma-Milieu. Sie geht den Weg der Niedrigen – und überragt dabei die Starken und Mächtigen.

P. Georg Sporschill

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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