Zeitdiagnose 2019 | Teil 04
Jammern als Geschäftsmodell?

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Martin Schröder, Jahrgang 1981, lehrt seit 2013 als Soziologe in Marburg an der Lahn, einen Teil seiner universitären Ausbildung erhielt er an der renommierten Harvard-University. Jacques Leconte, 1955 geboren, ist Psychologe an der Universität Paris. Beide Namen stehen für eine rapid wachsende Zahl international erscheinender Publikationen (siehe Spalte rechts), deren Grundtenor sich in einem Satz zusammenfassen lässt: Den Menschen auf unserem Globus ist es einerseits noch nie so gut ergangen wie heute, und andererseits dominiert ein öffentlicher Diskurs, der uns zu suggerieren versucht, dass wir allesamt knapp vor der Apokalypse stehen.

Dabei könnte ein recht simples Gedankenexperiment schon hilfreich sein: Man frage sich bloß, zu welchem beliebigen Zeitpunkt in der Menschheitsgeschichte man selbst leben möchte. Alle relevanten empirischen Fakten sprechen für die Gegenwart: Unsere Lebenserwartung verlängert sich jährlich um drei Monate. 1990 lebten in den so genannten Entwicklungsländern 47 Prozent der Bevölkerung in „extremer Armut“, 2015 waren es nur mehr 14 Prozent. Am Beginn der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts litten 19 Prozent der Weltbevölkerung an Unterernährung, heute sind es rund 11 Prozent.

Die globale Alphabetisierungsrate liegt aktuell bei 85 Prozent, 1960 waren es 60 Prozent. Die weltweite Mütter- und Kindersterblichkeit haben sich zwischen 1990 und 2015 halbiert. Die Zahl der Malaria-Toten sank zwischen 2000 und 2015 um 60 Prozent. Schliefen im erstgenannten Jahr nur 2 Prozent aller südlich der Sahara lebenden Kinder in einem Moskitonetz, waren es 15 Jahre später bereits 68 Prozent.

Diese Liste ließe sich noch sehr lange fortsetzen. Auch das deutsche Nachrichtenmagazin „DER SPIEGEL“ leistet übrigens bereits seit 2016 mit einer wöchentlichen – grafisch sehr originell aufbereiteten – Rubrik „Früher war alles schlechter“ einen wichtigen Beitrag im Sinne eines realistischen Optimismus.


Gefährliche Konsequenzen.

Auch wenn die Fakten eine andere Sprache sprechen, im veröffentlichten Diskurs dominiert das Bild einer Welt am Abgrund. Das mag zum ersten mit einer grundlegenden menschlichen Disposition zu tun zu haben. Wir neigen dazu, die Vergangenheit zu verklären, und nichts macht uns mehr Angst als das Unbekannte, sprich: die Zukunft.

Zum zweiten ist zu befürchten, dass dieser Generalpessimismus uns vor allem auch unserer Potenziale beraubt, die realen Herausforderungen wie den Klimawandel, die globale Migration oder das Sinken des liberalen Grundwasserspiegels in unseren westlichen Demokratien zu bewältigen.

Drittens und letztlich hilft ein solches Krisengerede nur den politischen Rändern. Denn nichts überzeugt in vermeintlich aussichtslosen Lagen mehr als die „einfache Lösung“.

Nicht wenige im politischen Spektrum – und bedauerlicherweise auch im kirchlichen Bereich – sind sichtlich überzeugt davon, dass es ihrer Wahrnehmung hilft, den Menschen erst das Elend einzureden, um hinterher andere dafür verantwortlich zu machen.

Zum Weiterlesen

– Jacques Lecomte: Der Welt geht es besser, als Sie glauben. 50 Gründe, optimistisch zu sein. (2017, dt. Gütersloher Verlagshaus, 2018).

– Walter Wüllenweber: Frohe Botschaft. Es steht nicht gut um die Menschheit – aber besser als jemals zuvor. (DVA, 2018).

– Martin Schröder: Warum es uns noch nie so gut ging und wir trotzdem ständig von Krisen reden. (Benevento, 2018).

– Guido Mingels: Früher war alles schlechter. Warum es uns trotz Kriegen, Krankheiten und Katastrophen immer besser geht. (DVA, SPIEGEL-Buchverlag, 2017).

– Guido Mingels: Früher war alles schlechter 2. Neue Fakten, warum es uns trotz Kriegen, Krankheiten und Katastrophen immer besser geht. (DVA, SPIEGEL-Buchverlag, 2018).

Hans Putzer

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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