Weltanschaungsarbeit heute | 24
Germanische Neue Medizin

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Nicht jede Medizin, die vorgibt zu heilen, tut das auch.

Im Bereich der Weltanschauungsarbeit geht es nicht nur um religiöse oder spirituelle Motive, sondern immer wieder auch um ganz alltägliche Problemfelder und Herausforderungen. Ein Thema, das immer wieder eine Rolle spielt, ist „körperliche Gesundheit“ und „Heilung“ von schweren Erkrankungen. Wenn es in diesem Zusammenhang zu ideologischen Überformungen kommt und der Pfad der Wissenschaft gänzlich verlassen wird, kann es zu erheblichen Problemen bis hin zum unnötigen Tod von PatientInnen kommen.

Exemplarisch dafür möchte ich hier die „Germanische Neue Medizin“ des deutschen Arztes Ryke Geerd Hamer (1935–2017) skizzieren. Am Beispiel von Hamer lässt sich gut darstellen, wie eine persönliche Erfahrung zum Auslöser für eine neue Weltsicht – in diesem Fall eine medizinische – wird, und durch die zunehmende Ablehnung innerhalb der eigenen Community – in diesem Fall der Ärzteschaft – ein Radikalisierungsprozess in Gang gesetzt wird, der bis in politische Positionen hineinreicht und für Menschen, die Hilfe suchen, großes Unheil anrichten kann.

Hamer erlangte Anfang der 1960er-Jahre seine Approbation als Arzt in Deutschland. Er spezialisierte sich in den folgenden Jahren auf „Innere Medizin“. Im Dezember 1978 starb sein 19-jähriger Sohn Dirk an den Folgen einer Schussverletzung, die ihm unter unglücklichen Umständen und ohne eigene Schuld zugefügt wurde. Dieses für Hamer traumatische Ereignis lenkte sein Leben in grundlegend neue Bahnen. 1979 trat bei ihm ein Hodenkrebs auf, den er operativ entfernen ließ. In Folge beschäftigte er sich mit der Frage, warum dieser Hodenkrebs bei ihm aufgetreten war, da er als Internist eigentlich keine Ursachen dafür ausmachen konnte. Er kam zu der Erkenntnis, dass der Hodenkrebs eine Folge des Schockes, den er in Bezug auf den Tod seines Sohnes erlitten hatte, war. Daraus leitete er ab, dass sämtliche Krankheiten eigentlich immer die Folge eines „inneren Konfliktes“ seien.

Solche Konflikte können durch traumatische Erfahrungen entstehen, aber auch ungelöste Beziehungskonflikte oder Konflikte im beruflichen Umfeld zählen dazu. Die Aufgabe des Arztes ist es nun, herauszufinden, welcher Konflikt hinter einer Krankheit steht. Jegliche medikamentösen Therapien – auch Schmerzmittel – und operative Eingriffe werden abgelehnt. Diese würden nur den Heilungsprozess negativ beeinflussen, denn die Krankheit selbst mit ihrer Symptomatik ist schon ein Teil des Heilungsprozesses. Dieser „Heilungsprozess“ darf von außen nicht gestört werden. Erst wenn es Menschen gelingt, ihre „inneren Konflikte“ zu lösen, verschwinden auch die Krankheitssymptome.

Das Perfide an diesem Ansatz ist, dass der Mensch sowohl an seiner Krankheit „schuld“ ist, als auch daran, wenn er nicht gesund wird. Zusätzlich führt der Verzicht auf Behandlungen zu viel unnötigem Leid.Helmut Kirchengast

◉ weltanschauungsfragen.at


MEIN BEITRAG


Helmut Kirchengast ist Theologe, Ombudsmann und Referent für Weltanschauungsfragen.

Was unterscheidet den christlichen Zugang zum Thema Krankheit zu dem im Artikel vorgestellten?
Jesus hat deutlich gemacht, dass es keinen Zusammenhang zwischen persönlicher Schuld und Krankheit gibt. Im Christentum ist Krankheit ein Teil des Lebens. Und wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott in allen Lebenslagen an unserer Seite ist – auch wenn wir nicht „funktionieren“, krank sind und leiden müssen. Das kann ein großer Trost und sehr entlastend sein.

Warum sind Menschen überhaupt bereit, sich auf Angebote wie die im Text beschriebenen einzulassen?
Wenn Menschen, aus welchem Grund auch immer, das Vertrauen in das öffentliche Gesundheitswesen verloren haben, aber dennoch Hilfe brauchen, weil sie in großer Not sind, ergreifen sie oft jeden Strohhalm, der sich ihnen bietet und Hilfe verspricht. Rationale Überlegungen spielen dann leider keine Rolle mehr.

Foto: Freep!k
Helmut Kirchengast | Foto: Neuhold
Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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