Zeitdiagnose | Teil 02
Es geht um ein Aussprechen der Rechte und Pflichten

Wenn wir uns als Christinnen und Christen nach dem richtigen Umgang mit dem und den Fremden bemühen, ist ein Blick in die Bibel wohl unumgänglich.

Die Flüchtlingsströme, wie wir sie täglich vermittelt bekommen, ihr Unterwegssein und vor allem ihr Fremdsein, erinnern uns an zentrale Erfahrungen und Gedanken aus der Heiligen Schrift.

Schon Abraham wird von Gott in das ihm fremde Kanaan geführt: „Ich bin Jahwe, der dich aus Ur in Chaldäa herausgeführt hat“ (Gen 15,7).

Fast mit denselben Worten wird Gott mit Moses am Sinai den Bund schließen: „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus dem Sklavenhaus Ägypten herausgeführt hat“ (Ex 20,2).

Und nicht zu vergessen die prägende Erfahrung des Babylonischen Exils im sechsten vorchristlichen Jahrhundert, die für das Judentum Fremdsein und Identitätsstiftung zugleich ist. „Gottes erste Liebe“, um Friedrich Heer zu zitieren, hat wohl wie kein anderes Volk die Erfahrung des Fremdseins ebenso wie die unverbrüchliche Treue Gottes in seinem kollektiven Gedächtnis bewahrt.

Markus Zehnder, er lehrt Altes Testament in Basel, hat sich eingehend mit der Wahrnehmung des Fremden in den heiligen Schriften des Judentums beschäftigt: Im altorientalischen Kontext, so Zehnder, falle auf, dass die Integration von Fremden in das Judentum vielfältig thematisiert wurde. Die Fremdheitserfahrungen der Väter in Kanaan und Ägypten habe den Boden für eine weitgehend fremdenfreundliche Grundhaltung bereitet. So spricht beispielsweise das „Bundesbuch“ Exodus von der Pflicht, Fremde gegen mögliche Übergriffe zu schützen. Umgekehrt haben diese aber auch die Pflicht, zentrale jüdische Gesetze wie den Sabbat zu befolgen.

Es geht nie um eine Gleichsetzung, viel mehr um Respekt und ein klares Aussprechen von Rechten und Pflichten. Insbesondere die Einhaltung der kultischen Vorschriften, die ja vor allem auch ein geregeltes Zusammenleben ermöglichen sollen, wird von den Fremden eingefordert. Klare Grenzen werden dort gezogen, wo es, wie beispielsweise beim Paschafest, um den Kern religiöser Identität geht.

Im neuen, von Christus gestifteten Bund wird der Fremde oft in einen eschatologischen Heilsrahmen gestellt. Lukas erzählt im berühmten Gleichnis vom „verlorenen Sohn“ – vom „barmherzigen Vater“ – von der Beheimatung des Fremdgewordenen. Wo alle eins sind in Jesus Christus, spielt es ohnehin keine Rolle, ob von einem Fremden oder von einem Fremdgewordenen berichtet wird.

Es gehört zu den Grunderfahrungen der ersten Christengemeinden, „fremd“ zu sein, ob im jüdischen Jerusalem, in den griechischen Gemeinden oder in der Metropole Rom. Der erste Petrusbrief spricht die Gemeinde ausdrücklich als „Fremdlinge“ an. Auch das Wort Jesu aus dem Johannesevangelium, „Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin“ (Joh 17,16), verweist auf ein existenzielles Fremdsein angesichts einer künftigen Beheimatung aller in der Vollendung Gottes. Und darum sollten wir im Hier und Heute wohl keinen zurücklassen.

Hans Putzer

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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