Serie zur Sozialenzyklika | Teil 10 Ende
Einladend und ermutigend

Der heilige Franziskus (im Bild ein Fresko in der Basilika San Francesco in Assisi mit der ältesten Darstellung der Vogelpredigt von Maestro di San Francesco um 1265) hat durch sein Leben die Welt in Erstaunen versetzt. Die Enzyklika „Fratelli tutti“ ermuntert: Dies ist auch heute möglich.
  • Der heilige Franziskus (im Bild ein Fresko in der Basilika San Francesco in Assisi mit der ältesten Darstellung der Vogelpredigt von Maestro di San Francesco um 1265) hat durch sein Leben die Welt in Erstaunen versetzt. Die Enzyklika „Fratelli tutti“ ermuntert: Dies ist auch heute möglich.
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Schlussbetrachtung - Was uns die Enzyklika Zumutet
Ende der Serie

Vielleicht könnten wir die Welt in Erstaunen versetzen: mit auf verschiedenen Ebenen gelebter Geschwisterlichkeit.

Leopold Neuhold

Heinrich Böll schrieb in seinem 1957 erschienenen Aufsatz „Eine Welt ohne Christus“: „Unter Christen ist Barmherzigkeit wenigstens möglich, und hin und wieder gibt es sie: Christen; und wo einer auftritt, gerät die Welt in Erstaunen.“ Und an späterer Stelle folgt ein bemerkenswertes Bekenntnis: „Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache. Und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe für die, die der heidnischen Welt als nutzlos erschienen und erscheinen.“

Geschwisterlichkeit aller Menschen
Und diese Liebe allen gegenüber, die menschliches Antlitz tragen, fordert Papst Franziskus in seiner Enzyklika, die den Ausgang von der Geschwisterlichkeit aller Menschen nimmt, ein. Dabei stellt sich die Frage: Kann ein päpstliches Rundschreiben zu sozialen Fragen überhaupt etwas bewirken?
Diese skeptische Frage wurde und wird immer wieder gestellt, aber es zeigt sich, dass von Enzykliken immer wieder Anstöße ausgegangen sind. Aber kann sich eine Enzyklika in Zeiten der Corona-Pandemie Gehör verschaffen, wenn es doch jetzt um drängende Überlebensfragen geht? Gerade in einer solchen herausfordernden Zeit sind Antworten, die auch auf grundsätzliche Veränderungen in den Grundbedingungen unserer Weltgesellschaft zielen, wichtig.
Und die vorliegende Enzyklika tut das, manchmal fragend und bescheiden, an manchen Stellen auch sehr klar und fordernd.
Papst Franziskus mutet den Menschen die Bereitschaft zu einem grundsätzlichen Wandel zu, der zu einer geisterfüllten neuen Normalität führt, nicht zu einem Leben wie gehabt.

Herausforderung des päpstlichen Schreibens
Mit „Fratelli tutti“ liegt uns ein umfangreiches Schreiben vor – vielleicht ist es für manche zu umfangreich. Bei seinem Erscheinen hat es Aufsehen erregt, auch Widerspruch gefunden. Dabei ist der Widerspruch nicht negativ, sondern auch ein Zeichen dafür, dass das Rundschreiben in seinem herausfordernden Anspruch erkannt worden ist: in einem Zugang zur Gesellschaftsgestaltung, der zum Teil sehr weit weg ist von herkömmlichen und aktuellen Anschauungen und Programmen.
Das Dokument ist geprägt von der Zumutung der universalen Geschwisterlichkeit. Es nimmt einen auf den ersten Blick utopischen, kaum zu begreifenden Ausgangspunkt: In der Ebenbildlichkeit mit Gott sind wir alle Geschwister. Und auf diesen von Geschwisterlichkeit geprägten Menschen kommt es an, und das ist es, was Christen immer wieder einbringen konnten, auch wenn der Schwung manchmal abhanden gekommen ist, wie der Papst in seiner Weltfriedensbotschaft zum Jahr 2021 bemerkt.

Geschwisterlichkeit konkret
Aber die Geschwisterlichkeit stößt in der konkreten Wirklichkeit, wie wir immer wieder erfahren, an ihre Grenzen. Hier ist die Enzyklika ein Aufruf und Anstoß dazu, nach Wegen zu suchen, wie sie trotz Widerständen tragend für die Welt von heute gemacht werden kann.
„Fratelli tutti“ ist dabei kein Handbuch für Gesellschaftsgestaltung, sondern eine Aufforderung, nach für den einzelnen und Gruppen, auch Gesellschaften bis zur Weltgesellschaft gangbaren Wegen der Verwirklichung einer Gesellschaft, in der der Mensch, und zwar jeder Mensch, mehr Mensch werden kann. Dabei muss uns bewusst sein, dass dies nicht auf einen Schlag gelingen wird, aber die Vorzeichen sind mit der Geschwisterlichkeit aller Menschen gesetzt. Wenn der Papst uns auffordert, Grenzen zu überwinden, so ist er sich dessen bewusst, dass es diese Grenzen gibt und sie auch in vielen Fällen nützlich sind. So ermöglichen rechtliche Grenzen etwa die Verhinderung von unethischem Handeln. Grenzen dürfen aber nicht nur abgrenzend gestaltet sein, sondern müssen eingrenzend sein in Bezug auf Ermöglichung der Achtung der Würde aller Menschen in den entsprechenden gesellschaftlichen Bedingungen.

Können wir die Welt in Erstaunen versetzen?
Das ist fordernd, wenn wir die Corona-Pandemie betrachten, aber vielleicht auch eine gute Gelegenheit, darüber nachzudenken. Dann wird es nicht nur um Schadensbegrenzung gehen, sondern wesentlich auch um neue Akzente einer menschengerechten Gesellschaft, in der mehr Menschsein verwirklicht werden kann. Vielleicht könnten wir alle ein wenig dazu beitragen, dass die Welt in Erstaunen versetzt wird: mit auf den verschiedenen Ebenen gelebter Geschwisterlichkeit.

Überblick Alle Teile der Serie

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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