Zur Bischofssynode: Die Kirchen im Nahen Osten | Teil 03
Eine blühende Kirche am Nil

Ägypten

Der Papst gibt Autogramme? Tatsächlich. Da vorne am Tisch sitzt er, kaum sichtbar inmitten des ihn umgebenden Menschenknäuels. Poster und Andachtsbilder werden ihm zum Signieren zugereicht. Zahllose aus der Menge gestreckte Arme halten Video-kameras, um das Geschehen festzuhalten. Ein Chor im Hintergrund singt lautstark liturgische Hymnen. Gestern hatte ich von Seiner Heiligkeit eines seiner Bücher erhalten, mit dem nun auch ich mich in die Menge werfe. Als ich vor dem Papst stehe, schaut er kurz verschmitzt auf und unterschreibt dann. Da steht nun sein Name, er hat ihn auch auf Koptisch und Arabisch geschrieben: Shenouda III.

Kleine Zettel.
In der Unterkirche des koptisch-orthodoxen Patriarchats in Kairo drängen sich über zweitausend ägyptische Christen. Etliche schreiben Fragen auf kleine Zettel, die dann von Priestern eingesammelt und Papst Shenouda auf den Tisch gelegt werden. Jeden Mittwoch hält er eine Katechese, wo ihn die Gläubigen direkt befragen können. Flink sortiert er die Fragen und sucht einige heraus, liest sie über das Mikrophon laut vor und beginnt zu lehren. Es wird nachgedacht, gelacht und aufmerksam zugehört.

Trennung und Glaube.
Das Christentum am Nil, ausgehend von der antiken Stadt Alexandria, war in der Alten Kirche eines der bedeutendsten Patriarchate. Die theologischen und politischen Auseinandersetzungen um den rechten Christusglauben – inwieweit war Christus ganz Mensch und gleichzeitig ganz Gott – auf dem Konzil von Chalzedon (451) führten im Verlauf des 5. Jh.s zur Kirchentrennung. Erst die ökumenischen Dialoge der Gegenwart machten deutlich, dass es zwar unterschiedliche theologische Zugänge gibt, die aber den gleichen Glauben an Jesus Christus als vollkommenen Gott und vollkommenen Menschen ausdrücken. Wesentlichen Anteil an diesen Gesprächen hatte die von Kardinal Franz König gegründete Stiftung Pro Oriente. 1971 wurde in Wien unter maßgeblicher Beteiligung Shenoudas die so genannte „Wiener christologische Formel“ erarbeitet und die Einheit im Christusglauben offenkundig. Nur zwei Wochen danach wurde er zum Papst-Patriarchen von Alexandrien und 117. Nachfolger des Evangelisten Markus gewählt.

Wiege des Mönchtums.
Auch das Mönchtum hat seine Wiege in der Wüste Ägyptens. Die Heiligen Antonius und Pachomius hatten wesentlichen Einfluss auf das abendländische Mönchtum des Benedikt von Nursia. Papst Shenouda verbringt selbst die halbe Woche in seinem Wüstenkloster, wo er 1954 eintrat. Bevor er Mönch wurde und Theologie studierte, hatte er bereits sein Studium der Geschichte und Archäologie abgeschlossen. 1962 berief ihn sein Vorgänger Papst Kyrill IV. zu seinem Privatsekretär. Es war Kyrill, der den Aufschwung der koptischen Kirche in Ägypten initiierte. Er setzte auf Bildung und Spiritualität.

Fundamente.
Als Kyrill 1971 starb, baute sein Nachfolger Shenouda, der nunmehr seit 37 Jahren Papst der koptisch-orthodoxen Kirche ist, auf diesem Fundament zielstrebig weiter. Wesentliche Impulse der Erneuerung gingen von der Sonntagsschulbewegung zur Glaubensbildung der koptischen Christen aus. Ein erstaunlicher religiöser Aufbruch ist zu beobachten. Er wird getragen von der Wiederbelebung des Mönchtums auf Basis der asketischen Spiritualität der frühen Wüstenmönche. Die etwa zwanzig Männerklöster und fünf Frauenklöster sind blühend und voll besetzt. Außerdem ist eine beachtliche Zahl von Schwestern als Diakonissen im Sozialbereich tätig. Die Pfarrseelsorge wird von verheirateten Priestern wahrgenommen.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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