Quelle des Segens - Schritte zu einer lebendigen Liturgie | Teil 10
Die Würde der Schwelle

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Zur „ars celebrandi“ gehört auch der achtsame Umgang mit Schwellen von Raum und Zeit. „Alles hat seine Zeit“, sagt Kohelet, der Prediger, im gleichnamigen Buch, das der biblischen Weisheitsliteratur zugehört (Koh 3,1–8).

Zum Fundament menschlicher Weisheit zählt auch die ergänzende Erfahrung, dass es für alles einen ihm angemessenen Raum gibt oder geben soll. Der Zwang zum Leben in einem eintönigen Raum und in einer eintönigen Zeit ist für den Menschen entfremdend, führt zu Langeweile oder zu anderen Formen des Lebensüberdrusses. Wir Menschen brauchen Räume und Zeiten für Arbeit wie für Muße, für Alltag wie für Feste.

Gott ist dem Menschen prinzipiell überall nahe, aber weil der Mensch nicht überall gleichermaßen daheim sein kann, gibt es Orte, an denen der Himmel für viele offener ist als anderswo. Und es gibt Zeiten, in denen sich das Heilige leichter erschließt als sonst. Beides gilt besonders für die kirchliche Liturgie, wenn sie ohne Verflachung gefeiert wird.

In alten Kulturen führt der Lebensweg immer wieder über Schwellen. Es sind Zeitschwellen oder Raumschwellen. Das Kirchenjahr ist strukturiert durch Zeitschwellen. Das Kirchenhaus aber ist geprägt durch eine Raumschwelle, die das Innen vom Außen deutlich trennt, mag es sich dabei um eine von unzähligen Schritten abgetretene Stufe aus Stein handeln oder um eine Türe, deren symbolkräftige Gestalt erkennen lässt, dass man durch sie in eine Lebensdimension eintritt, die den Alltag übersteigt. Gläubige Muslime ziehen die Schuhe aus, bevor sie die Schwelle einer Moschee überschreiten. Viele Christen in Europa erweisen ihren Kirchenhäusern wenig Ehrfurcht. Wer aber die Schwelle vor einem sakralen Raum ehrt, der ehrt Gott und ehrt auch sich selbst. Mangel an Ehrfurcht vor Gott, vor Menschen und vor dem von Gott Geheiligten verschließt eine Tiefendimension des Lebens, nimmt dem Leben viel von seinem Glanz.

Schwellen – gleichviel ob Raum- oder Zeitschwellen – fordern zu einer Unterscheidung und Entscheidung heraus. Dies gilt besonders für liturgische Schwellen. Die frühe Christenheit hat diese Schwellen bewusst sehr hoch gelegt. Die volle Teilnahme an der Liturgie wurde den erwachsenen Taufkandidaten oder den mit einer schweren Kirchenbuße belasteten Sündern nur stufenweise gewährt. Gottesdienste, die im öffentlichen Raum – etwa auf Sportplätzen und Flugfeldern – gefeiert werden, oder auch die Übertragung von Eucharistiefeiern aus Kirchen durch das Fernsehen stellen heute auf eine neue Weise die Frage, ob die Würde des Heiligen nicht den Schutz durch deutlichere Schwellen verlangt, damit eine Banalisierung der Liturgie vermieden oder wenigstens erschwert wird.

Dr. Egon Kapellari, Diözesanbischof

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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