Die Kunst des Vergebens. Fastenserie mit Melanie Wolfers | Interview
Die Kunst des Vergebens

Warum ist Ihnen das Thema „Vergeben und versöhnen“ so wichtig?

Melanie Wolfers: Seit 13 Jahren arbeite ich in der Seelsorge und leite derzeit das Projekt „IMpulsLEBEN“. Da bin ich viel im Gespräch mit jungen Leuten. Mir ging immer mehr auf, wie stark Menschen an Beziehungswunden leiden: sei es im Beruf, wenn jemand hintergangen oder gemobbt wird, sei es in einer Partnerschaft oder in der Kindheit, wo man Angriffen besonders schutzlos ausgeliefert ist. Tiefgreifende Kränkungen können uns regelrecht gefangen nehmen. Dann kreisen unsere Gedanken ständig um dieselbe Geschichte, und negative Gefühle lasten schwer auf uns.

Da habe ich mich gefragt: Wie lässt sich mit verletzenden Ereignissen so umgehen, dass die Wunden heilen? Wie kann eine alltägliche Versöhnungskultur aussehen?


Das Beziehungsleben ist also die verletzlichste Stelle im Menschen?

Ja, ich glaube, dass Beziehungs-Wunden zu den tiefsten Wunden unseres ­Lebens gehören.


Auch Volksgruppen, Nationalitäten, Staaten sind unversöhnt. Ist es da auch so?

Wir Menschen stehen in der Gefahr, dass wir einen unverarbeiteten Schmerz bewusst oder unbewusst an andere weitergeben. Dies gilt auch gesellschaftlich: Die Geschichte von Staaten und Nationen zeigt, wie erlittenes Unrecht weitergegeben und so neues Leid verursacht wird. Die Frage ist: Wie finden verfeindete Volksgruppen oder Staaten aus der Spirale von erlittener Verletzung und rächender Gewalt heraus? Die Kraft des Vergebens liegt darin, dass die Täter-Opfer-Geschichte nicht fortgeschrieben wird.

Ist das irgendwo gelungen?

Ich denke an Versöhnungskommissionen in Südafrika. Wichtig ist, dass es zur Begegnung zwischen Tätern und Opfern kommt und dass diejenigen, die Gewalt ausgeübt haben, hören und sehen, was sie angerichtet haben.

Ist Vergebung immer der Weg – oder darf nicht etwas auch unvergeben stehen bleiben?

Vergebung ist keine Pflicht! So wie auch niemand ein Recht darauf hat, dass ihm verziehen wird. Verzeihen ist ein Geschenk, ein freier Entschluss. Und darüber hinaus ein höchst sinnvoller Entschluss. Denn unser ­Lebensglück hängt entscheidend davon ab, ob wir vergeben können – so dass wir nicht dauernd im Streit mit unserer eigenen Vergangenheit leben.

Zugleich liegt es nicht nur in unserer Hand, ob wir jemandem wirklich von Herzen verzeihen können. Aber wir können uns darum bemühen. Die entscheidende Frage ist: Breche ich auf in Richtung Vergebung, oder suhle ich mich lieber in meinen Rachegefühlen? Will ich mich an Versöhnung ausrichten, oder richte ich mich ohnehin ganz gern ein in meiner Opferrolle? Welche dieser Richtungen ich einschlage, dafür trage ich Verantwortung.

Braucht es zum Versöhnen Hilfe – oder könnten sich Menschen da ruhig selbst mehr zutrauen?

Mir fällt auf, dass Leute oft nicht so genau wissen, wie Versöhnung gehen kann. Da finde ich es hilfreich, mit jemand im Gespräch zu sein – oder in einem Buch zu lesen, was wichtige Aspekte und Schritte sind, die zu mehr innerem Frieden führen. Auch glaube ich: Je schwerer eine Verletzung ist, umso wichtiger ist es, mit jemandem im Gespräch zu sein, der mir hilft, meine Gefühle wahrzunehmen und den engen Blick, der sich oft einstellt, zu weiten.

Wie sehen Sie Vergebung, wenn es um Missbrauch oder um Gewalttaten geht?

Zunächst möchte ich auf einen wichtigen Unterschied hinweisen: Wenn ich jemandem verzeihe, heißt dies nicht, dass ich Gerechtigkeitsforderungen aufgebe oder gerichtliche Schritte unterlasse. Vielmehr sind Untaten wie Missbrauch anzuzeigen, auch um potenzielle zukünftige Opfer zu schützen. Vergebung beinhaltet keinen Verzicht auf ­Gerechtigkeit!

Eine andere Frage ist: Wie geht jemand in seinem Innern auf Dauer mit einem solch traumatischen Erlebnis um? Eine Trauma-Ambulanz in Berlin arbeitet mit Menschen, die Opfer von Gewalt geworden sind. Sie empfiehlt: Mach deinen Seelenfrieden nicht abhängig vom Ausgang eines Gerichtsurteils. Allein schon deswegen, weil ein Gerichts­urteil den angerichteten Schaden nicht wieder gutmachen kann – wenn zum Beispiel jemand getötet wurde. Wer in seinem Herzen Vergebung finden kann, nimmt dem Schuldiger die Macht, die er immer noch über ihn ausübt, indem er ihn etwa mit Angst- oder Hassgefühlen erfüllt. Bischof Tutu, der in Südafrika jahrelang unschuldig inhaftiert gewesen ist, beschreibt eindrucksvoll, wie der Weg der Vergebung aus der Opferrolle herausführt und befähigt, das Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Gibt es für Sie eine Grenze des Vergebens?

Nein. Es gibt Frauen und Männer, die haben schier Unvorstellbares vergeben. Etwa, wenn Opfer des Holocaust ihren Tätern vergeben konnten. Es wohnt in manchen Menschen eine unglaubliche seelische Größe. Eine Kraft des Vergebens, in der die grenzenlose Güte Gottes hell aufleuchtet. Aber all das ist keine zu erfüllende Norm. Verzeihen ist ein ganz persönlicher, individueller Weg.

Wenn ich an einem anderen schuldig geworden bin: Wie sieht es da mit Vergebung aus?

Wenn jemand spürt, dass er schuldig geworden ist, dann spricht dies für ein ­gutes Empfinden. Ja, begründete Schuldgefühle sind Zeichen von menschlicher und spiri­tueller Gesundheit. Hier ist jemand sensibel für den Schaden, den er einem anderen zugefügt hat. Doch Schuld einzugestehen fällt schwer. Es ist mit Scham und Ernüchterung verbunden, einzusehen: Auch ich bin ein Mensch, der versagt. Auch ich bin auf Barmherzigkeit anderer angewiesen. Niemand kann sich selbst entschulden. Wir können nur um Entschuldigung bitten – und darauf hoffen, dass uns Vergebung geschenkt wird.

Und wie ist es, wenn wir uns selbst nicht ver­geben können?

Letztens hat mir ein erfolgreicher Unternehmer gesagt: „Ich kann mir nicht verzeihen, dass ich meine Karriere so über meine Familie gestellt habe! Ich habe meine Kinder praktisch verloren.“ Der Glaube eröffnet hier einen neuen Horizont: Wir dürfen vertrauen auf Gottes Ja zu uns trotz unserer Schuld und Versäumnisse. Wir leben im Horizont unendlicher Liebe. Wer dies wirklich erfährt, wird sich selbst mehr bejahen können.

Die Kirche kennt die Beichte. Aber nimmt sie auch sonst Vergebung wichtig genug?

Beim Beichtsakrament steht der schuldig-gewordene Mensch im Mittelpunkt. Weniger im Blick ist, dass wir immer auch Verletzte sind und unter den Grenzen und der Schuld anderer leiden. Jesus hat uns so sehr ans Herz gelegt: „Vergebt einander.“ Doch wie das geht und wie unsere ­Beziehungswunden heilen können, ist zu wenig vermittelt worden. Und dabei ist unser Glaube doch eine durch und durch therapeutische Religion!

Was bedeutet Ihnen die Beichte?

Das Sakrament der Versöhnung ist mir wichtig. Drei Perspektiven nehme ich dabei in den Blick. Zum einen: Wofür bin ich dankbar? Ist etwas heiler geworden? Wo bin ich ein Stück gereift? Als Zweites bringe ich meine Wunden vor Gott und bitte um Heilung. Und schließlich bekenne ich, wo ich schuldig geworden bin und um Vergebung bitte.

Dass ich dies nicht nur innerlich vor Gott tue, sondern ins Gespräch mit einem Menschen bringe, erfahre ich als gut. Vergebung wird mir ja auch im Namen der Gemeinschaft zugesprochen. Gott vergibt mir nicht erst dann, wenn ich beichte. Doch die entscheidende Frage ist: Wo öffne ich mich seiner vergebenden Nähe? Die Beichte ist ein solcher Ort.

Was dürfen unsere Leserinnen und Leser von Ihnen in der Fastenzeit erwarten?

Beziehungen machen unser Leben reich, aber sie sind auch Quelle schmerzlicher Verletzungen. Wer zu verzeihen lernt, wandelt Wunden in neue Lebensmöglichkeiten. In der Serie werden wichtige Schritte auf dem Weg des Vergebens vorgestellt. Ich werde konkrete Anregungen geben und auf Stolpersteine aufmerksam machen.

Ich hoffe, dass ich durch meine Beiträge die befreiende Kraft des Vergebens verdeutlichen und dazu ermutigen kann. Und dass deutlich wird, wie Gott dabei im Spiel ist und wie absolut lebensrelevant der Glaube in diesem Prozess ist.

Matthäus Fellinger

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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