Christentum - Ein Reiseführer | Etappe 046
Die Auferstehung

Auferstehung. Alfred Manessier, 1949.

Alles zu Ende?

Die Gegner Jesu durften hoffen, dem Wirken Jesu von Nazaret mit der Kreuzigung ein für alle Mal ein Ende gesetzt zu haben. Es war auch nicht zu erwarten, dass er posthum noch zu einer Identifikationsfigur wurde, immerhin war das Kreuz der klassische Tod für Schwerverbrecher. Das war kein Leben, das zur Nachahmung einlud. Hinzu kam, dass mit dem Tod am Kreuz aus jüdischer Sicht zusätzlich ein religiöses Stigma verbunden war. Nach der Tora galt ein Gekreuzigter als ein von Gott Verfluchter (Dtn 21,23). So sprach vieles dafür, dass man die Anziehungskraft des aus Galiläa stammenden Charismatikers auf Golgota ein für alle Mal gebrochen hatte.

Zunächst schien es, als hätten die Erwartungen der Gegner Jesu sich erfüllt. Der Jüngerkreis war zerfallen, seine Mitglieder waren enttäuscht nach Galiläa geflohen und hatten sich in den Schoß der Familie zurückgezogen. Mit der Kreuzigung Jesu waren die Jünger nicht nur ihres Anführers, sondern auch ihres Lebenshorizontes beraubt. Ihnen war klar, was sie selbst erwartete, falls sie seine Predigt fortsetzten. Hatte nicht Gott selbst Jesus verflucht? Was war seine Botschaft noch wert? Die Jünger hatten geglaubt, mit Jesus einem Propheten zu folgen. Waren sie stattdessen einem Scharlatan aufgesessen? Hatte Jesus sie, statt in die Nähe Gottes, ins Abseits geführt? Hatten sie dafür alles aufgegeben: Familie, Heimat, Beruf, Ansehen? Die Enttäuschung der Jünger muss grenzenlos gewesen sein (vgl. Lk 24,19–21).

Umso mehr erstaunt es die Historiker, dass diese Jünger, die sich nach dem Geschehen auf Golgota in wilder Flucht zerstreut hatten, nach kurzer Zeit wieder öffentlich auftauchen, eine Gruppe bilden und sich ausdrücklich als Jünger Jesu zu erkennen geben. Sie, die vor kurzem noch jede Verbindung zu ihrem früheren Meister geleugnet und in panischer Angst das Weite gesucht hatten, gingen nun nach Jerusalem, dem für sie gefährlichsten Ort, und setzten die Predigt Jesu dort öffentlich fort. Diese völlig überraschende Wende war zudem nicht etwa ein letztes Aufbäumen oder eine kurze vorübergehende Phase, die das völlige Erlöschen der Jesusbewegung vorbereitete. Nein, die Jünger blieben bei ihrer Entscheidung für die Sache Jesu, nahmen dafür massive Belastungen in Kauf und zögerten schließlich auch nicht, dafür in den Tod zu gehen. Was war geschehen? Die Schriften des Neuen Testaments geben zusammen mit anderen Quellen auf diese Frage eine klare Antwort. Sie lautet:

Jesus lebt!
Er, der Gekreuzigte, ist nicht im Tod verblieben, sondern hat dessen Macht überwunden, denn Gott hat ihn auferweckt. Die Jünger machen bereits kurze Zeit nach dem Tod Jesu Erfahrungen, in denen ihnen Jesus begegnet und sich als einer, der lebt, zu erkennen gibt. Diese Erfahrungen werden im Neuen Testament als ein „Sehen“ beschrieben. Die dabei verwendete Verbform macht deutlich, dass dieses Sehen eine außergewöhnliche Wahrnehmung ist, die Aktivität sowohl auf Seiten dessen fordert, der sich sehen lässt, wie auch auf Seiten dessen, der wahrnimmt. Die Begegnung im Sehen ist so tief, dass sie die Betroffenen von Grund auf verwandelt. Sie macht aus denen, die vor kurzem noch in Zweifeln befangen waren, Entschlossene. Und sie verleiht jenen Unbeugsamkeit und Mut, die sich Tage zuvor noch in den Verstecken ihrer Jugend verkrochen hatten.

Wo die Quellen diese Begegnung beschreiben, greifen sie auf das zu ihrer Zeit geläufige Vokabular der Apokalyptik zurück. Sie sprechen von Jesus als dem Auferstandenen. Zur näheren Erklärung verweisen sie auf das Leben schaffende Wirken Gottes, das in Jesus selbst den Tod überwunden hat. Diese Aussagen zeigen, dass für die Jünger Jesu nun alle Zweifel, die sein Tod hervorgerufen hatte, ausgeräumt sind. Sie sind überzeugt, dass Jesus, der nun auf neue Weise lebt, der Gesalbte ist, auf den das Volk Israel seit Jahrhunderten sehnsüchtig gewartet hat: der Messias, der Christus. Dieses tiefe, sichere Wissen treibt die Jünger fortan an. Es gibt ihnen persönliche Sicherheit, wenn sie gefahrvolle Situationen zu bestehen haben, und verleiht ihrer Predigt von Jesus als dem Christus (= dem Gesalbten, dem Messias) eine faszinierende Strahlkraft.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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